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Straßenkinder ausgeladen

Nach der Absage aus Brüssel: „3. Welt“-Arbeit in den Diözesen gefährdet
Ausgabe: 2001/21, Brüssel, Dritte Welt, Straßenkinder, Mayr, Welthaus, Linz, Wekef
22.05.2001
- Walter Achleitner
Mit „Lebensräume gestalten“ wollten Österreichs Diözesen einen Bildungsschwerpunkt in der „3. Welt“-Arbeit setzen. Doch nach der Absage von EU-Förderungen droht nun der Kahlschlag. Vorübergehend sichern Notprogramme die Arbeit mit Eine-Welt-Gruppen, Schulklassen und in Pfarren.

In der bolivianischen Metropole La Paz haben sie Mülltonnen durchwühlt, auf Parkbänken geschlafen und Handtaschen geklaut – das waren die Kinder in El Trono. Doch im Gefängnis fanden sie mit Hilfe eines Sozialarbeiters zum Theater. Heute gelten die einstigen Straßenkinder als exzellente Darsteller, die rund um den Globus spielen. „Teatro Trono“ hätte im Oktober auch in Österreich zeigen sollen, wie sich Jugendliche auf kreative Weise aus ihrer Misere befreien konnten.Vergangene Woche mussten jedoch alle Termine abgesagt werden. Grund dafür war ein Anruf aus Brüssel: „Das Projekt ,Lebenswelten gestalten‘ wird abgelehnt“. Warum der 1,27 Mill. E (17,5 Mill. Schilling) EU-Anteil (70 Prozent des Gesamtprojektes) für 2001 bis 2003 nicht bewilligt wurde, wird noch schriftlich nachgereicht.

Innsbruck: dramatisch


Mit der Brüsseler Ablehnung platzte nicht nur die Straßenkinder-Tournee. Seit zwei Wochen herrscht Krisenstimmung in den Welthäusern der Diözesen Linz, Innsbruck, Salzburg, Graz und Wien. Von insgesamt 15 Voll- und TeilzeitmitarbeiterInnen wurden bereits drei gekündigt. Rund 120 Wochenstunden sind noch einzusparen – weitere Kündigungen daher nicht auszuschließen. Dietmar Schreiner, Sprecher von Welthaus Österreich: „Das ist ein massiver Schlag gegen unsere Arbeit.“ Bei der Absage habe sich der „Formalismus“ durchgesetzt. Und das, „obwohl der Druck der EU-Bürokratie ohnehin schon enorm hoch ist“ (dazu rechte Spalte).„Im Jänner sind wir mit Vollgas gestartet“, sagt Werner Mühlböck vom Welthaus Innsbruck. „Wir wollten von Anfang an Qualität bieten. Mit den 15 Prozent Eigenmittel haben wir die ersten Monate vorfinanziert. Jetzt haben wir ein Riesenproblem.“ In Innsbruck ist zwar die Finanzierung für ein radikal gekürztes Notprogramm gesichert, doch gelingt es nicht, die entwicklungspolitische Bildungsarbeit in der Diözese bis Jahresende auf neue Beine zu stellen, „dann wird es ab 2002 kaum noch kirchliche ,3. Welt‘-Informationsarbeit in Tirol geben“, meint der Welthaus-Leiter in Innsbruck. Indes hoffen die Verantwortlichen in allen Diözesen wieder auf EU-Mittel ab 2002. Welthaus-Sprecher Schreiner aus Graz: „Wenn es 2002 realistische Chancen für EU-Förderungen gibt, werden wir uns darum bemühen. Wenn nicht, dann wird die Nord-Süd-Bildungsarbeit der Diözesen auf den Stand der 80er Jahre abstürzen. Ab jetzt können die Welthäuser ihre Arbeit nicht mehr in dem Umfang anbieten, wie dies Schulen, Pfarren und Eine-Welt-Gruppen von uns gewohnt sind.“

Linz: droht Kahlschlag?


Noch hofft auch Alfred Mayr vom Welthaus Linz, dass für die laufende Arbeit Geld aufgetrieben werden kann: „Ich erlebe in der Diözese Betroffenheit über unsere Lage, aber auch große Solidarität.“ Und wenn es nicht gelingt? Mayr: „Noch mehr zu streichen, als wir schon absagen mussten, käme dem Kahlschlag gleich.“Besonders hart trifft es Schulklassen, die das Linzer Welthaus-Angebot gerne annehmen. Mayr: „Durch Budgetkürzungen haben ja auch die Schulen kaum mehr Luft für Projekttage. Wir konnten Interessantes sehr günstig anbieten, weil wir dafür Geld von der EU hatten. Eine Aufführung von ,Teatro Trono‘ und die Begegnung mit den Kindern, die sich auch eine Schule leisten kann – das ist ein Hit. Nicht umsonst waren wir für Oktober bereits ausgebucht.“


HINTERGRUND


Die Kürzungen der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit für Bildungsprojekte in Österreich wurden in den letzten Jahren immer mit folgendem Satz beantwortet:

Holt euch das Geld in Brüssel!


Als ersten Schritt, um von der Europäischen Union als Projektpartner akzeptiert zu werden, haben sich in Österreich fünf diözesane Referate für „Weltkirche und Entwicklung“ (Wekef) zum „Welthaus“ zusammengeschlossen. Das Bildungsprojekt „Entwicklung braucht Entschuldung“ (1996 bis 1997) wurde von der EU ebenso gefördert wie „Arbeit neu denken“ (1998 bis 2000). Das Projekt „Lebensräume gestalten“ (2001–2003) wurde auf „Einladung zur Projektvorstellung“ bis 1. September 2000 eingereicht. Um die von Brüssel vorgegebenen Kriterien zu erfüllen, war eine mehrmonatige Planung erforderlich. Alle „logischen Rahmen, Zieldefinitionen und Indikatoren“ schriftlich zu fixieren war dann Arbeit von rund 200 Stunden. Die vorgeschriebenen sieben Kopien umfassten über 1000 Seiten. Ausgeführt wurde die Arbeit von der Kofinanzierungsstelle (KFS) in Wien, einer kirchlichen Einrichtung, die sich auf EU-Projektanträge spezialisiert hat. Da kurz vor Abgabetermin neue Projekt-Formate vorgelegt wurden, gab es spezielle Schulungen in Brüssel zum richtigen Erstellen der Anträge.Weil zwischen Mitte 1999 und Mitte 2000 keine „Einladung zur Projektvorstellung“ erfolgt war, kam es im Herbst 2000 bei EUROP AID (DG DEV A4) zum Projektstau: sieben Mal mehr als bei früheren Terminen wurden eingereicht. Dabei standen den Fördermitteln von 30 Mill. E (412,8 Mill. Schilling) Anträge von insgesamt 72 Mill. E (991,75 Mill.) gegenüber.
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