„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen.“ (Koh 3,1–3)
Erschöpft. Vorsichtig beim Aufstehen und mit dem Essen. Ein bisschen benebelt. So oder ähnlich geht es mir selbst meistens nach einer überstandenen Grippe. Auch das Gesundwerden hat seine Zeit und braucht seine Zeit, wie das Kranksein.Für Menschen, die eine schwere Krankheit hinter sich haben und möglicherweise lange Zeit im Krankenhaus verbracht haben, bringt der Gesundungsprozess manchmal große Veränderungen mit sich. Lebenseinstellungen haben sich verschoben, der Bekanntenkreis hat sich gewandelt – ganz neue Ideen für die Zukunft sind entstanden. Vielleicht ist es für die eine oder den anderen notwendig, den Lebensstil zu ändern oder es geht darum, mit dem Wissen leben zu lernen, dass die Krankheit wieder kommen kann. Für viele bedeutet eine überstandene schwere Krankheit auch, von Gewohntem und Liebgewordenem Abschied zu nehmen: Abschied von gesellschaftlichen oder sportlichen Aktivitäten etwa, aber auch Abschied vom Beruf mit seinen Herausforderungen, oder von der eigenen Wohnung, in der jemand Jahrzehnte gelebt hat.
In diesem Prozess kann es gut tun, das Alte wirklich zu verabschieden: aufzählen und aufschreiben, was vorbei ist, das Ganze jemandem erzählen und auch weinen darum. Mit dem Verabschieden kann dann das Neue wachsen, die Ideen für die Zukunft können reifen, es fällt dann leichter, sich auf ein verändertes Leben einzustellen. Und was ich da jetzt kurz mit zwei Sätzen beschrieben habe, das kann durchaus lange dauern, Monate, Jahre. Unsere eigene innere Zeit, etwas zu verarbeiten, ist eine andere als die äußere, messbare. Das sehe ich als eine große Chance im Gesundwerden: diese eigene innere Zeit erspüren und sich dieser neuen Wahrnehmung anvertrauen. So kann in Ruhe das Neue wachsen.