Unsere angebliche „Spaßge-sellschaft“, in der jeder gut drauf zu sein hat, zeigt Schattenseiten: Immer mehr Menschen wenden sich an die Telefonseelsorge, weil sie einsam sind.
Seit nunmehr drei Jahren ist die Telefonseelsorge unter der Hotline-Nummer 142 errreichbar – eine „Feuerwehr für die Seele“, allerdings brennt es zumeist in den Beziehungskisten ...Rund 60 gut geschulte Berater/innen nehmen im Büro der Telefonseelsorge in Linz/Urfahr abwechselnd rund um die Uhr die Anrufe entgegen. Sie sind großteils ehrenamtlich tätig.
Jüngere werden mehr
Ungleich mehr Frauen rufen an (etwa 2/3). Nicht dass Männer weniger Probleme hätten, aber sie reden weniger darüber. Nach wie vor stammen die meisten Anrufenden vom Land. Ihr Alter liegt hauptsächlich zwischen 30 und 40. Zu denken muss aber geben, dass Anrufe von 20-jährigen, die mit dem Leben nicht zurechtkommen, auffällig zunehmen. „Mehr als ein Drittel der Anrufenden sind Alleinlebende“, weiß Dr. Roman Leitner, seit 23 Jahren bei der Telefonseelsorge. Vermehrt erlebt der Berater depressive Menschen, die gewissermaßen ein „Dasein ohne Bindungen“ haben – weder zu sich selber noch nach außen – sie leben „am Rande“, oft mit Geldschwierigkeiten, haben kaum Perspektiven und Zukunftvisionen, nicht selten landen sie kurzfristig in der Psychiatrie. Die Berater/innen bekommen aber auch viele Anrufe von Menschen, die durchaus im Berufsleben bestehen, aber nach Feierabend und zum Wochenende einsam, allein und verzweifelt sind. Sie sitzen oft antriebslos vorm Fernseher und haben nicht selten Alkoholprobleme. Dass die Einsamkeit durch den Trend zum Einzelkind und verloren gehende Familienbeziehungen in Zukunft noch zunimmt, sei zu befürchten. Auch Generationenprobleme und die Pflege von Angehörigen stellen Stressfaktoren dar und lassen zum Hörer greifen. Auch Lebenskrisen wie Tod des geliebten Partners oder die Ent-„Täuschung“ über einen Menschen sind oft Gegenstand eines Anrufes. Manche Frauen fallen immer wieder auf den selben Typ herein, geraten ständig an den Falschen, haben niemanden, mit dem sie darüber reden können.
Hilfe zur Selbsthilfe
Langes „Dahinsudern“ über ein Problem (manche holen sehr weit aus) allein bringt wenig. Die geschulten Kräfte bringen ein Problem auf den Punkt und helfen, eigene Kräfte zu mobilisieren unter dem Motto: Was lässt sich an der Lebenssituation verändern? Um bei weiteren Kontakten nicht wieder bei Punkt Null anfangen zu müssen, können die Anrufenden über den Vornamen wieder den/die selbe Berater/in verlangen. Häufig wird von der Telefonseelsorge eine Brücke zu anderen Beratungsangeboten geschlagen.
Andere Schwerpunkte
Der „Pensionsschock“ ist bei älteren Anrufenden nach wie vor ein Thema. Eine neuere Klientel in der Altersgruppe jenseits der 50 sind vermehrt Frauen, die sich nach langjähriger Ehe, wenn die Kinder aus dem Haus sind, die Frage stellen: Will und kann ich mit diesem Menschen alt werden? Sie suchen dann Rat und Hilfe bei der Telefonseelsorge. Deutlich weniger sind die Anrufe von Bäuerinnen geworden. Der Grund dürfte hier in mehr Angeboten für Kommunikation und Weiterbildung liegen, was Selbstbewusstsein und Lebenszufriedenheit insgesamt steigert. Oft sind es gesellschaftlich relevante Themen, die die Menschen zum Telefonhörer greifen lassen. Da sind etwa die Sorgen um die heranwachsenden Kinder, wenn wieder einmal etwas über Drogenprobleme in der Zeitung steht. Aber so etwas flaut dann rasch wieder ab.