Am 3. Oktober wurde die österreichweite „Allianz für den Sonntag“ aus der Taufe gehoben. Wir fragten dazu Bischof Maximilian Aichern.
Seit Mittwoch gibt es eine österreichweite „Allianz für den Sonntag“. Was bedeutet für Sie dieser Schritt?Aichern: Der „Dialog für Österreich“ (Salzburger Delegiertenversammlung 1998) hat sehr deutlich auf die Gefährdung des gemeinsamen arbeitsfreien Sonntags hingewiesen. Er forderte zu entschlossenen Maßnahmen auf, um den religiösen, persönlichen und gesellschaftlichen Wert der Sonn- und Feiertage bewusster zu machen und für deren Schutz einzutreten.
Zwei wichtige Schritte
Da es sich hier um ein Anliegen handelt, das viele Menschen be- rührt – immerhin wünschen sich bei Umfragen 85 Prozent den Erhalt des arbeitsfreien Sonntags –, das aber auch zahlreiche Institutionen und Vereine bewegt, wollten wir als Kirche nicht allein und isoliert agieren. So wurden zunächst in einer Reihe von Bundesländern/Diözesen Allianzen für den Sonntag gebildet. Das war ein erster wichtiger Schritt, der auch politisch wahrgenommen wurde. So etwa wurde der Schutz des arbeitsfreien Sonntags bereits in den Landesverfassungen von Oberösterreich und Salzburg verankert; in Tirol, Niederösterreich und Kärnten laufen Verhandlungen, in Vorarlberg hat man sich mit dem Land geeinigt, die Ladenöffnungszeiten am Sonntag nicht weiter auszuweiten. Da wichtige Entscheidungen über die Sonntags- und Feiertagsruhe Bundessache sind, war die österreichweite Vernetzung der Allianzen der zweite notwendige Schritt. Ich halte ihn auch deshalb für besonders bedeutsam, weil die von unten, von der Basis her gewachsene Allianz nun auch von „oben“, von bundesweiten Institutionen gefördert und mitgetragen wird. Das bedeutet für die politische Schlagkraft, aber auch für die ebenso wichtige Bewusstseinsarbeit eine kräftige Stärkung.
Schon vor zwei Jahren beschloss die Projektgruppe „Sonntag“ die Gründung einer österreichweiten „Allianz“. Warum hat es so lange gedauert? Aichern: Uns war die Breite der Allianz wichtiger als ein rascher Aktionismus. Und da zeigte sich schon in den Bundesländern/Diözesen, dass es seine Zeit dauert, Kirchen, Vereine, Interessenvertretungen, Politiker etc. in ein Boot zu bekommen. Die müssen auch intern die Fragen diskutieren können: So etwa haben die Gewerkschaften manche Branchen, wo sehr viel Sonntagsarbeit geleistet wird, und die dann das Anliegen für nicht so wichtig erachten. Noch weiter auseinander laufen die Interessen in der Wirtschaft, etwa zwischen den Klein- und Mittelbetrieben und den Großen im Handel.
Ich denke aber, dass die Zeit gut genutzt wurde. So etwa unterstützen die Allianz in Oberösterreich neben der evangelischen und katholischen Kirche zahlreiche Vereine, über 300 Gemeinden und Städte, die politischen Parteien, die Arbeiterkammer, Teile der Wirtschaftskammer (Handel) und die Gewerkschaften.
Wachsamkeit nötig
Es gibt derzeit kaum eine Sonntagsdebatte. Wie gefährdet ist der gemeinsame arbeitsfreie Sonntag eigentlich? Aichern: Es wird zwar von den Politikern immer wieder betont, dass die Sonntagsruhe nicht angetastet werden soll. Wir sind auch froh über solche Zusagen. Dennoch ist erhöhte Wachsamkeit geboten. Es gibt immer wieder Versuche, etwa im Handel die Sonntagsöffnungszeiten auszuweiten und sich, z. B. durch den Ausbau der Tankstellenshops, gegenseitig hochzuschaukeln. In anderen Bereichen besteht durch die wachsende Zahl der neuen, sozial wenig gesicherten Arbeitsverhältnisse (Telearbeit, Leiharbeit, Werkverträge, Arbeit auf Abruf) die akute Gefahr einer schleichenden Ausweitung der Sonntagsarbeit.
Was sind die wichtigsten Ziele der Allianz? Aichern: Der Sonntag ist in unserer Gesellschaft der regelmäßige – oft einzige – gemeinsame freie Tag: ein Tag der Muße und der Erholung, ein Tag der Begegnung, der Familie und der Gemeinschaft, ein Tag des vielfältigen Engagements außerhalb von Erwerbsarbeit, etwa in Kultur und Vereinen; und er ist für uns Christen ein Tag der Besinnung, des Gotteslobes und des Feierns. Das alles darf nicht verloren gehen. Das Engagement für den Sonntag ist daher eine kulturelle, eine religiöse, eine soziale und eine politische Herausforderung. In allen Bereichen will die Allianz aktiv werden, wobei die einzelnen Mitglieder durchaus ihre eigenen Schwerpunkte setzen können. Wer an diesem großen Projekt mitarbeiten will, ist herzlich eingeladen, der Allianz beizutreten.
Ist die Idee eines Volksbegehrens zum Schutz des Sonntags noch aktuell? Aichern: Auf politischer Ebene strebt die Allianz sechs Ziele an, die zunächst durch Verhandlungen und Gespräche erreicht werden sollen. Das Volksbegehren bleibt aber weiter im Talon.
Schutz und Deutung
Politisch strebt die Allianz an: – Die Sonn- und Feiertagsruhe muss generell gesetzlich geschützt bleiben und verfassungsrechtlich verankert werden.– Sonn- und Feiertagsarbeit muss die Ausnahme bleiben: deshalb laufende Überprüfung der Ausnahmen auf ihre Notwendigkeit, höherer Preis für Sonntagsarbeit und Änderung jener Gesetze, die eine schleichende Ausweitung der Sonntagsarbeit ermöglichen.– Seitens der EU müssen der arbeitsfreie Sonntag geschützt und die gesetzlichen Feiertage der einzelnen Mitgliedsstaaten – als Ausdruck der kulturellen und religiösen Identität – respektiert werden.
Wie wollen Sie einer konsumverliebten Erlebnisgesellschaft den Sonntag als Zeit der Muße, der Besinnung und Gemeinschaft … schmackhaft machen? Aichern: Ich hab dafür kein Rezept. Aber ich bin dankbar dafür, dass sich alle Allianzpartner verpflichtet haben, auch für die Bewusstmachung des Sonntags als Wert des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens einzutreten. Als Kirche sollten wir uns dabei vor allem für eine Vertiefung der Sonntagskultur einsetzen, für ansprechende Gottesdienste ebenso wie für eine Belebung der Feier- und Gemeinschaftskultur .