Es mag vielen wenig erscheinen angesichts der massiven Vorurteile und Ängste, die derzeit auch bei uns gegen den Islam und muslimische Mitmenschen zu Tage treten. – Doch die interreligiöse Gedenkstunde für den Frieden am 8. Oktober in der Wiener Hofburg ist ein wichtiges Zeichen! Hochrangige Vertreter aus Politik, Kultur und Verwaltung, Diplomaten und viele andere Persönlichkeiten nehmen an dieser Gedenkstunde der Juden, Christen und Muslime teil.
Dieses religiöse Brücken-Schlagen ist ein Lichtblick in einer Zeit der Rundum-Verdächtigungen. Wir berichten in dieser Ausgabe über weitere interreligiöse Brücken. Information ist ein wichtiger Brückenpfeiler. So laden wir zu einer Telefon-Fragestunde mit Prof. Jaros ein, einem profunden Kenner des Islam. Wir weisen auf einen Islam-Studientag in Puchberg hin. Wir berichten aber auch von großen Problemen, die Christen in manchen Ländern haben, z. B. auf den Molukken.
Molukken: Gewalt dauert an
Miteinander von Christen und Muslimen durch Religionskrieg entzweit
Aus seiner Pfarre auf Seram in Indonesien wurde P. Josef Haas verjagt. Die Molukken will er nicht verlassen, denn es sind noch zu viele Fragen offen.
1999 hatten die Bananenstauden im Pfarrgarten von Bula erstmals Früchte getragen, erzählt P. Josef Haas. Und die erste Ernte schickte der Josefs-Missionar noch mit muslimischen Seeleuten nach Ambon. Es war seine Hilfe für Tausende christliche Flüchtlinge, die in der Hauptstadt der Molukken Schutz gesucht hatten. Dass er selber bald als Vertriebener dort landen würde, das war für ihn völlig unvorstellbar. Unvorstellbar für P. Haas aber war auch, was sich in den frühen Morgenstunden des 9. März 2000 in Bula ereignen sollte: Moslems, die der Pater nie zuvor in dem abgeschiedenen Dorf gesehen hatte, steckten die Häuser der Christen in Brand. Da erkannte auch er den Ernst der Lage. Der Priester verließ den Ort, in dem einst Moslems und Christen selbst religiöse Feste gemeinsam feiern konnten. „Die Molukken galten als Beispiel, dass ein friedliches Miteinander möglich ist“, schildert Haas. „Bis heute ist es unerklärlich, wie es dazu kommen konnte. Plötzlich erlebten wir eine Gewalt, die heute nur mehr als Religionskrieg bezeichnet werden kann.“
Kind für Brauteltern
Dieses Miteinander geprägt hat über Jahrhunderte eine für Christen wie Moslems gültige Tradition: „Bela Kandung“ – vom gleichen Mutterschoß. Die besagt, dass bei der Heirat die Frau die Religion des Mannes annimmt. Dafür erhalten die Brauteltern das erste Kind des Brautpaares. „Für mich ist diese Tradition unerklärlich“, sagt P. Haas. „Aber es ist so oft vorgekommen, dass es zum Alltag auf den Molukken gehörte. Der Krieg hat dieses enge Netz verwandtschaftlicher Bindungen unter den Religionen zerstört und Tragödien hervorgebracht.“ Haas kennt Fälle, wo christliche Eltern ihren leiblichen Kindern, die aber durch „Bela Kandung“ den muslimischen Großeltern übergeben worden waren, vor der Flucht ihr Haus zur Obsorge anvertraut hatten. Anhänger von Laskar Dschihad (rechte Spalte) zwangen sie darauf, das Haus der eigenen Eltern anzuzünden.
Hoffen auf Rückkehr
Die Molukken zu verlassen, daran habe er nie gedacht, meint P. Josef Haas. Und deshalb hat er ein Verzeichnis aller Katholiken im Norden der Insel Seram angelegt. Wer wann mit welchem Schiff wohin geflohen ist. Selbst die Bauart des Hauses und die Lage und Größe des Grundstücks notierte der Pfarrer. „Ich möchte den Menschen helfen in ihre Häuser zurückzukehren.“ Aber eine Frage drängt P. Haas besonders, auf den Molukken zu bleiben: „Wie konnte das geschehen? Darüber müssen wir noch einmal reden können“, sagt P. Josef Haas.
Hintergrund:
Kämpfer des heiligen Krieges
Laskar Dschihad nennen sich jene Kämpfer, die zum heiligen Krieg gegen Christen auf den Molukken aufrufen. Wie viele Tausend Mann von Laskar Dschihad auf die ehemaligen Gewürzinseln eingesickert sind kann niemand sagen. Sicher ist nur: Bei Kämpfen um strategische Positionen in der Hauptstadt Anbon wurden vom Militär Personen getötet, die auf muslimischer Seite kämpften und pakistanische, saudi-arabische oder malaysische Dokumente mit sich führten. Und Jafar Umar Thalib, der Anführer der Laskar Dschihad und ein ranghoher indonesischer Militär, macht kein Geheimnis daraus, in Afghanistan von den Taliban in der Führung des heiligen Krieges geschult worden zu sein.
Hauptquartier der Laskar Dschihad in Ambon ist das ehemalige staatliche Büro für Transmigration. Dort befanden sich alle Aufzeichnungen über die im gesamten Bereich der Molukken bisher neu angesiedelten Familien. Ein klarer Bruch der Verfassung Indonesiens ist auch die Einführung der Scharia in dem von den Laskar Dschihad kontrollierten Teil Ambons. Berichten zufolge wurde die Todesstrafe durch Steinigung bereits vollstreckt.Auf mehreren Inseln der Molukken ist es zu Zwangsbekehrungen von Christen zum Islam gekommen. Damit im Zusammenhang genannt werden ebenfalls „Kämpfer des heiligen Krieges“.