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Wo bleibt der Mensch?

Der Sozialbericht zur Diskussion (1) – Wandel der Arbeitswelt
Ausgabe: 2001/41, Mensch, Sozialwort, Bischöfe, Sozialbericht, KSÖ, Wien
11.10.2001
- Hans Baumgartner
Die Arbeitswelt ist einem radikalen Wandel unterworfen. Dadurch ergeben sich neue Chancen, aber auch neue Risiken. Die Verunsicherung steigt. So beschreibt der Sozialbericht der Kirchen die Lage.

Der Mensch ist das Maß der Wirtschaft und nicht umgekehrt. Seine Würde und seine Lebenschancen haben Vorrang vor dem Kapital. So sagt es die katholische Soziallehre. Im Sozialbericht der Kirchen Österreichs sind eine ganze Reihe von Stimmen zitiert, die beklagen, dass „die Würde des Menschen nicht mehr im Mittelpunkt“ wirtschaftlichen Handelns steht. Die radikalen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt erwecken offenbar bei vielen Christen den Eindruck, dass die neuen Möglichkeiten – besonders für flexible, junge, gesunde und gut ausgebildete Menschen – die steigenden Risiken nicht wettmachen. Arbeitskräfte, so heißt es im Sozialbericht, würden immer mehr als Ware betrachtet und nicht mehr als „einzigartige Persönlichkeiten“ mit Stärken, Vorlieben, aber auch Schwächen. Die Kirchen werden aufgefordert, ihren Einsatz für eine menschengerechte Arbeitswelt zu verstärken.

Die Verunsicherung


Rudolf Moser von der wirtschaftspolitischen Abteilung der Arbeiterkammer bestätigt den Befund des Sozialberichtes. Die Dynamik der Veränderungen in der Arbeitswelt habe in den letzten Jahren stark zugenommen. Kontinuierliche Berufsverläufe werden immer öfter unterbrochen; atypische Arbeitsverhältnisse treten immer häufiger an die Stelle der regulären Erwerbsarbeit. „Die Dauer der Dienstverhältnisse wird immer kürzer“, berichtet Moser. „Allein im letzten Jahr wurden 1,5 Millionen Arbeitsverhältnisse aufgelöst, davon dauerten knapp eine Million nicht einmal ein Jahr. Im Bereich der Arbeiter hat sich die Jobrotation besonders beschleunigt. Viele Dienstverhältnisse dauern da nur mehr ein halbes Jahr.“ Das, so Moser, erzeuge eine große Verunsicherung. „Viele, die sich heute z. B. einen Wohnungskredit aufnehmen, fragen sich, ob sie in fünf oder zehn Jahren noch einen Job haben, mit dem sie die Schulden auch bezahlen können.“

Neue Praktiken


Moser führt diese Entwicklung nicht darauf zurück, dass die Leute heute den alten Job schneller hinschmeißen, wenn sich was Besseres auftut. Die Loyalität der Arbeitnehmer zu ihren Betrieben sei nach wie vor ziemlich hoch. Dafür seien viele sogar bereit, in den sauren Apfel zu beißen. So habe ihn erst kürzlich der Betriebsrat einer Druckerei angerufen, dass dort die ganze Belegschaft Kurzarbeit machen wolle, um die Arbeitsplätze in der Firma zu sichern, nachdem die Druckaufträge aus der Wirtschaft nach den Terroranschlägen in den USA deutlich zurückgegangen sind.Die Veränderungen in der Arbeitswelt führt Moser vor allem auf einen Wandel in der Wirtschaft zurück. „Ich merke immer öfter, dass die Firmen viel kurzfristiger planen. Steigt die Auftragslage, werden Leute aufgenommen, sinkt sie, werden sie ebenso schnell wieder entlassen.“ Unterstrichen werde diese Tendenz von der Tatsache, dass immer mehr Unternehmen auf Leiharbeitskräfte zurückgreifen, die man mit einem Telefonanruf wieder abbestellen kann. Auch die projektbezogenen, befristeten Dienstverhältnisse nehmen stark zu. Immer öfter, so Moser, komme es auch – vor allem im Industriebereich – zur Auslagerung von Teilen des Betriebes, etwa der Buchhaltung, der EDV oder des Fuhrparks. Die Beschäftigten machen zwar dieselbe Arbeit, bekommen aber durch andere Kollektivverträge weniger Lohn oder sie werden überhaupt zu Quasi-Selbständigen gemacht. Sie sind zwar nach wie vor abhängig, tragen aber das ganze Risiko und die Sozialkosten selber. In den wenigsten Fällen sind sie in einer so starken Position, dass sie entsprechend gute Arbeits- und Einkommensbedingungen aushandeln könnten. Geringere soziale Absicherung, der Verlust an geregelter Arbeitszeit (Arbeit auf Abruf!) und Einkommenseinbußen sind häufige Folgen.

(Nächste Folge: Arbeitslosigkeit)



SOZIALWORT


Am 12. September haben 14 christliche Kirchen Österreichs ihren Sozialbericht veröffentlicht. Er beschreibt ein Bild der sozialen Wirklichkeit, wie sie engagierte Christen vor Ort erleben und wie sie Kirchen und karitative Organisationen sehen. Vielfach klingt dabei große Sorge über den sozialen Zusammenhalt und über die Zukunft der Sozialpolitik durch.

Meinung gefragt


Nach dieser Bestandsaufnahme soll nun in einer zweiten Phase des Projektes „Sozialwort“ dieser Bericht und damit die soziale Situation in Österreich umfassend diskutiert werden. Bei den politischen Parteien, den Interessenvertretungen und den nichtkirchlichen Sozialorganisationen war das Interesse am Sozialbericht in den ersten Wochen überraschend hoch. 2000 Stück wurden bereits unter die Leute gebracht. Unter dem Motto „Ihre Meinung ist gefragt“ laden die Sozialwortverantwortlichen zu einer möglichst breiten Diskussion ein. Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen sind eingeladen, zum Bericht oder zu einzelnen Kapiteln Stellungnahmen abzugeben bzw. über die Ergebnisse von Diskussionsveranstaltungen zu berichten. Für Interessierte gibt es in jedem Bundesland Impulstage, wie man mit dem Sozialbericht konkret weiterarbeiten kann, in Runden, bei öffentlichen Diskussionsveranstaltungen, bei Dekanatstagen der Frauen- und Männerbewegung etc. Um eine möglichst lebendige Diskussion zu ermöglichen, werden im Sozialwort-Newsletter und im Internet die hereinkommenden Stellungnahmen ausgewertet und publiziert.

Bestellung des Sozialberichts (öS 137,60) und alle Informationen: KSÖ, Schottenring 35, 1010 Wien; Telefon 01/310 51 59,

Homepage: www.sozialwort.at
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