Christen und Moslems im Tiroler Außerfern wachen für den Frieden
Ausgabe: 2001/50, Muslime, Moslem, Christen, Reutte, Türkei, Mascher, Paul Mascher
17.12.2001
- Walter Achleitner
Jeden Sonntag treffen sich in Reutte Moslems und Christen. Sie setzen ein Zeichen für ein angstfreies Miteinander.
„Unterbrechen wir unseren Alltag, der uns den Krieg vergessen lässt, um zur Besinnung zu kommen“, sagt Paul Mascher. Er lädt Vorbeikommende ein, ihren Weg am Kirchplatz zu unterbrechen – wenigstens für Minuten. „Ich bin überrascht, wieviele sich zum Friedensfeuer stellen.“
Seit 4. November lädt das Dialogforum Außerfern jeden Sonntag ein, ab 18.30 Uhr „eine Stunde solidarisch zu sein mit den Betroffenen des Krieges in Afghanistan, mit den Familien und Kindern auf der Flucht“, erklärt Pastoralassistent Mascher. Vergangenen Sonntag, beim sechsten Friedensfeuer, kamen gar über 70 Personen. Die Initiative der christlichen Kirchen und türkisch-islamischen Vereine im Außerfern steht unter dem Motto: „Aufeinander zugehen – miteinander schweigen“.
Knapp die Hälfte, die vor der St.-Anna-Kirche im Feuerschein wachen, sind Moslems. Eine Entwicklung der vergangenen Wochen, über die sich P. Werner Gregorschitz, der Pfarrer von Reutte, freut. „Das Dialogforum hat viel bewegt“, sagt der Franziskaner. „Es ist schön, einem fremden Menschen, den ich zum ersten Mal sehe, die Hand zu geben“, meint eine Teilnehmerin, die in der Türkei geboren wurde: „Ob Christ oder Moslem, wir stehen da und wünschen uns Frieden. Das ist faszinierend!“
Erstmals türkisch
„Für den Frieden – Baris Içim“ heißt denn auch der Kanon, der zwischendurch angestimmt und abwechselnd auf Deutsch und Türkisch gesungen wird. „Auch das ist ein Ergebnis des Miteinander“, berichtet Erika Walch-Sommer, die das Lied getextet hat. Sie und Maria Dopler, die Komponistin, engagieren sich im Dialogforum ebenso wie die Übersetzerin Zeynep Altintas, die seit 25 Jahren in Reutte lebt. „Es freut mich immer wieder, wie sich die Einheimischen bemühen, das Lied auf Türkisch zu singen.“ Schon viele haben Frau Altintas erzählt, dass es der Kanon war, dessentwegen sie zum ersten Mal Türkisch zu sprechen versucht haben.
Komm, wir gehen miteinander – die Christen und Moslems am Kirchplatz von Reutte singen es nicht nur. Zeynep Altintas erlebt es auch so: „Es sind Leute, denen es wichtig ist, dass Menschen friedlich mieinander auskommen. Nicht nur in der weiten Welt, sondern auch hier im Außerfern.“
Zwar hat für Paul Mascher der Schrecken des Terrors und des Krieges viel Misstrauen gebracht. Aber das Friedensfeuer in Reutte hat auch das Gegenteil bewirkt: „Besonders muslimische Jugendliche spüren, dass es bei uns eine Gruppe von Einheimischen gibt, die ihnen Gutes wollen. Durch die sonntäglichen Treffen haben sie viele dieser Gesichter erstmals kennengelernt.“
Auch wenn das Friedensfeuer am 16. Dezember zum vorläufig letzten Mal brennen wird. Schon jetzt strahlt es aus: „Wir haben damit zwar die Stammtischhoheit nicht erobert, aber bestimmt einen Klimawandel bewirkt“, ist Initiator Paul Mascher überzeugt.
LEXIKON
Ramazan Bayrimi
„Wir haben einen Monat lang gefastet, an Gott und die Armen gedacht. Wir haben Körper und Seele gereinigt. Zum Abschluss des Ramazan feiern wir ein gemeinsames Fest und wollen unsere Freude zum Ausdruck bringen“, erklärt Zekeriya Eser über den Abschluss des islamischen Fastenmonats. „Ramazan Bayrimi“, wie das dreitägige Fest auf türkisch heißt, startet heuer am 16. Dezember in Österreich mit dem Beginn des Festgebetes um 7.55 Uhr.
Besuchen.
Während des Fastens wurde auch für die Armensteuer gespart, die nun an Notleidende und Bedürftige ausgegeben wird. Neben den Eltern, Verwandten und Bekannten werden deshalb besonders Alte und Kranke besucht. Aber es gilt auch Nachbarn zu besuchen, um mit ihnen die Festfreude zu teilen.
Beschenken.
Besonders Kinder, Jugendliche, aber auch ältere Menschen erhalten dabei kleinere Geschenke. In den allermeisten Fällen handelt es sich um Süßigkeiten. Vielfach wird deshalb in der Türkei das Fest umbenannt: Wem die religiöse Bedeutung nicht so wichtig ist, schenkt trotzdem, aber nennt es „Zuckerfest“.
Beachten.
„Meine muslimischen Bekannten freuen sich sehr, wenn ich als Christ sie besuche und ihnen zum Fest gratuliere“, erzählt Paul Mascher vom Dialogforum Außerfern. Und Zekeriya Eser verrät, worauf bei der Wahl der Süßigkeiten zu achten ist: „Besondere Freude bereitet Selbstgebackenes oder Typisches aus der Region wie Mozartkugel oder Linzertorte. Wir kennen spezielle Süßigkeiten für jedes Land“, erklärt der gebürtige Türke. „Und damit das Geschenk wirklich Freude macht, achten sie darauf, dass es alkoholfrei ist“, rät Zekeriya Eser.