Die Weihnachtszeit ist geprägt von der Botschaft: Gott ist Mensch geworden. Gott ist Kind geworden. Gott lenkt all unsere Aufmerksamkeit konzentriert auf ein Kind, auf Kinder. Unsere Tradition erweitert dieses Blickfeld und spricht vom Sonntag nach Weihnachten als dem Tag der Heiligen Familie. Verklärte Bilder werden davon immer wieder gezeigt. Maria, Josef und das göttliche Kind. Haben wir bislang mit dem Fest der Heiligen Familie noch das idyllische Bild einer harmonischen Familie vor Augen, wie sie uns von der Werbung ständig präsentiert wird, so wird dieser Eindruck mit dem Tagesevangelium (Mt 2, 13–23) gänzlich zerstört.
Da geht es um eine junge Familie, die kaum Gelegenheit hat, sich über das neugeborene Kind zu freuen – viel größer ist die Sorge, weil mit der Geburt des Kindes die ganze Zukunft völlig im Dunklen liegt. Eine Situation, die sich auch heute in vielfacher und ähnlicher Weise erleben lässt. Immer wieder werden zum Beispiel Frauen, in dem Moment, wo sie sagen, dass sie schwanger sind, allein gelassen. Es gibt Familien, deren Möglichkeiten für ein weiteres Kind kaum ausreichen, weil die Wohnung, das Geld und nicht zuletzt die eigenen Kräfte begrenzt sind. Oder auch Kinder werden in ein Umfeld hineingeboren, wo sie wenig Annahme und Liebe erwarten können und wo von Anfang an die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft fehlt.
Die Belastung und Verantwortung, die plötzlich im wahrsten Sinne des Wortes auf einer oder einem „lastet“, ist da groß. Ich denke, dass auch Maria und Josef dies so empfunden haben. Allein auf sich gestellt, war die Situation nicht zu bewältigen. Ihnen beiden ist geschenkt, dass sie nicht verzweifeln, sondern dass sie immer wieder eine Zusage verspüren, die sie ermutigt, weiterzugehen. Im Hinblick darauf kann ich gut von der Heiligen, also der vorbildlichen Familie sprechen.
Ihre Hellhörigkeit für die innere Wahrheit, ihre Hellhörigkeit für die Botschaft Gottes und ihr Mut, sich dieser inneren Stimme zu überlassen, beeindruckt, ja fasziniert mich. Sie haben keine Sicherheit in den Händen – sie haben nur das Kind im Arm und gehen dieses Wagnis ein.
Der Blick auf eine ideale, auf eine Traumfamilie wird unseren Alltag nur dunkler erscheinen lassen. Das aufmerksame Hinschauen, was hilft anderen in ähnlichen schweren Situationen, schafft Verbundenheit, kann unsere eigene Phantasie beflügeln und unser Verhalten verändern.
Maria Eicher ist Pastoralassistentin der Stadtpfarre Traun und lebt in Leonding/OÖ.