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Er stürzt die Mächtigen vom Thron

Prophetinnen und Propheten: Menschen in einer „ver-rückten“ Welt
Ausgabe: 2001/51
19.12.2001
- Christina Spaller
Nach dem Einzug in das Gelobte Land sind Veränderungen in Israel festzustellen. Kanaanäisches Denken über Wirtschaft und Religion, das aufkommende Königtum und sein Beamtenapparat beeinflussen die ursprünglichen Vorstellungen einer egalitären Gemeinschaft freier Bauern. Es kommt zu folgenreichen Umschichtungen. Auf einmal gibt es Reiche und Arme, Herrscher und Beherrschte, Starke und Schwache, jene, die sprechen, und jene, die schweigen. Angesichts dieser Ungleichheit ergreifen ProphetInnen die Partei der Benachteiligten. Sie kritisieren Verarmungsstrukturen, klagen Reiche wegen ihrer Sorglosigkeit und Ausbeutung an, Richter wegen ihrer Bestechlichkeit, die Verführung der Kleinen und die Missachtung der gesellschaftlich Schwächeren. So ist zu hören:

Wehe denen, die auf ihrem Lager Unheil planen und Böses ersinnen. Wenn es Tag wird, führen sie es aus; denn sie haben die Macht dazu. (Mi 2, 1) Weh den Sorglosen auf dem Zion und den Selbstsicheren auf dem Berg von Samaria . . . Ihr liegt auf Betten von Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern . . . Ihr trinkt den Wein aus großen Humpen, ihr salbt euch mit dem feinsten Öl und sorgt euch nicht über den Untergang Josefs. (Am 6,1. 4. 6) Weh denen, die das Recht in bitteren Wermut verwandeln und die Gerechtigkeit zu Boden schlagen. (Am 5, 7) Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land unterdrückt . . . (Am 8, 4)

Schuldig geworden!

Israel macht sich mit seinem unsozialen Verhalten schuldig. Das Volk, das von seinem Gott in die Freiheit geführt wurde und Weisungen erhielt, um diese Freiheit zu bewahren, hat die Wege seines Gottes verlassen. Unrecht und Unfriede kehren ein. Doch diese Verhältnisse, so die ProphetenInnen, können sich auf Dauer nicht halten. Ihr Ruf nach Umkehr wird laut. Sie fordern Recht und Gerechtigkeit. Sollte Israel nicht umkehren, sind die gegebenen Verhältnisse dem Untergang geweiht. Es wird zu einem Eingreifen Gottes für die Benachteiligten kommen, dem Gericht. Dieses Gericht hat wie die Wirklichkeit zwei Seiten. Gott verhilft den Benachteiligten zu ihrem Recht. Bevorzugte weist er zurecht. Sie werden vieles hergeben müssen. Für Erstere wird der Tag des Gerichts ein Tag des Jubels, für Letztere ein Tag des Zorns und der Finsternis. Umverteilung und Wiederherstellung gerechter Verhältnisse finden statt.

Österreich 2001

340.000 Menschen sind akut von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen. 11% der Bevölkerung sind armutsgefährdet. Fremdenfeindlichkeit ist im Steigen und der übermäßige Verbrauch natürlicher Ressourcen kein Thema. Eine hohe Missbrauchsquote gehört zum Bild unserer Gesellschaft, ebenso die Benachteiligung von Frauen bei der Entlohnung. Dies und vieles mehr ist aktuell zu hören. Macht sich Österreich im Sinne der Bibel schuldig? Oder ist die soziale Ordnung heute anders zu beurteilen und kann mit vorchristlichen Verhältnissen nicht verglichen werden? Einem Vergleich würde der Ruf nach Rechtfertigung der Benachteiligten folgen, nach einer Umverteilung und einer Erneuerung des Gemeinwohls. Wie soll dies geschehen? Soll es überhaupt geschehen? Schon ist der Einwand zu hören, dass es sich bei dem Gedanken an Umverteilung um einen naiven und gefährlichen Traum handelt. Jedenfalls ist er gut biblisch und weihnachtlich.

Gottes heiliger Umsturz

In Erwartung der Geburt Jesu singt Maria das Magnifikat, das Lied von der Hoffnung der Armen. Die unten werden emporgehoben und die oben gestürzt. Friede wird sein. Mit diesem Lied stellt sie sich in die Reihe alttestamentlicher ProphetInnen. Sie erinnert an den befreienden Gott, der die Verhältnisse neu gestalten wird, zugunsten der Benachteiligten. Eine messianische Heilszeit wird erwartet. Die Hoffnung liegt auf dem, der in armen Verhältnissen zur Welt kommt. Ein umstürzlerisches Moment mitten in der weihnachtlichen Idylle.




BedenkText:


Meine Seele preist die Größe des Herrn

. . . und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
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