Wenn wir über jemand sagen, er sei ein Träumer, so ist das nicht besonders schmeichelhaft. So bezeichnen wir Menschen, die im Leben nicht so ganz zurechtkommen, nicht ganz ernst zu nehmen sind. Josef ist ein Träumer – gleich dreimal wird in der Bibel von einem Traum Josefs berichtet. Und wer die Erzählungen von Josef so betrachtet, kann auch sehen, dass Josef nicht immer ganz ernst genommen wird. Er wird kaum als Jesu Vater gesehen, obwohl er ihm sicher vieles beigebracht hat, sondern bloß als „Nährvater“, als Existenzerhalter für das Jesuskindlein. Auch neben der strahlenden Maria verblasst er. Ich meine, dass er aber stark unterschätzt wird. Josef wird uns als ein Mensch gezeigt, der ebenso wie Maria bereit war, auf die Stimme Gottes zu hören und diesem Wort zu folgen, sich in Gottes Dienst zu stellen.
Matthäus wollte in seinem Evangelium aufzeigen, dass Jesus der im Alten Testament angekündigte und verheißene Messias ist. Darum erzählt er die Geburtsgeschichte Jesu aus der Sicht Josefs – nicht wie sein Kollege Lukas aus der Sicht Marias. Dieser war ja ein Nachkomme des Königs David und gehörte zum religiösen „Adel“. Denn: Aus dem Geschlecht Davids wird – so die Vorhersagung – der Messias kommen.
Josef kennt das Gesetz und handelt danach. Er ist ein „Gerechter“ und legt die Tora, das Herzstück des Alten Testamentes, barmherzig aus. Dies zeigt sich im Umgang mit Maria, wenn er sich vorerst gegen die Trennung entscheidet, und Barmherzigkeit hat er sicher auch Jesus gelehrt. Doch Josef scheint nicht ganz zufrieden zu sein mit seiner Entscheidung. Er denkt weiter darüber nach und als er im Wachzustand, das heißt mit seinem gesunden Menschenverstand und den Mitteln der praktischen Vernunft, keine befriedigende Lösung findet, da geschieht es im Traum. Es erscheint ihm ein Engel, ein Bote Gottes. Erst im Traum begreift Josef, was Gott an seiner Verlobten gewirkt hat und welche Rolle er, Josef, im Heilsplan Gottes spielen soll.
Was Josef erlebt hat, das gilt auch für uns: In Zeiten großer Offenheit, wenn wir nichts festhalten und bestimmen, nicht schauen und denken, können wir Gottes Botschaft vernehmen, die Gott aus der Tiefe unseres Wesens an uns richtet. Wenn wir uns nach innen wenden und uns der Stimme Gottes öffnen, dann können wir den Engel hören. Es ist nicht immer leicht diese Botschaft zu verstehen und anzunehmen, weil sie unserem Leben vielleicht eine ganz neue Richtung gibt. Aber Gott mutet uns Menschen nie etwas völlig Fremdes zu. Es ist nur so, dass wir oft erst von einem bestimmen Augenblick an verstehen, was Gott mit uns will.
Maria Eicher ist Pastoralassistentin der Stadtpfarre Traun und lebt in Leonding/OÖ.