New York hat viel aufzuarbeiten: Einmal den Schutt eines zerbrochenen Symbols, aber auch die zerbrochenen Seelen der Menschen. Eine Welt-Stadt erlebt ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Vor dem 11. September war für New York die hohe Geschwindigkeit eines der entscheidendsten Merkmale. Drei Monate später ist es die Nachdenklichkeit und der Wunsch, zurück zur Normalität zu gelangen. Viele können es kaum fassen, in welcher Situation sie sich befinden. „Wo sind wir hingekommen? Heute öffne ich meine Post mit Gummihandschuhen! Und morgen gibt es vielleicht einen Terror-Angriff auf ein Atomkraftwerk? Oder stürzt wieder ein Flugzeug ab?“, gibt sich Yveta Burda nachsinnend skeptisch. Die Exil-Slowakin lebt seit 30 Jahren in New York. Nicht nur in der Skyline der Metropole klafft ein Loch. Auch die Seelen ihrer Bewohner haben Risse bekommen.
Enger zusammen
Überaus treffend antwortete US-Präsident George W. Bush auf die Frage eines Reporters, welche Opfer die Amerikaner in diesen Zeiten bringen würden: „Das Opfer besteht darin, dass jeder ein Stück Seele verloren hat.“ Es mag widersinnig klingen. Aber genau unter diesem Druck entsteht ein neues Gefühl des Miteinanders. So schrecklich die Terroranschläge auch gewesen sind, sie haben die Bürgersolidarität wieder aktiviert. Veteranen vergleichen denn auch die aktuelle Situation mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Plötzlich stehen die Menschen wieder enger zusammen. Sie möchten die Reihen schließen, um die Todesopfer zu ersetzen, für sie beten und den Familien helfen, die Angehörige verloren haben. So brennen in diesen Tagen in New York besonders viele Kerzen. Die Kirchen sind noch voller. Und das sonst so stolze „Gott segne Amerika“, kommt aus mancher Kehle mit forderndem Unterton.
Die Zeit verlangsamen
Alte Gemeinsamkeiten werden wieder entdeckt. Es wird mehr zu Hause gekocht. Und anstatt ins Kino zu gehen werden in den eigenen vier Wänden Videofilme geschaut. Die oft sprichwörtliche Unbeschwertheit ist wie weggeblasen. Immer bringen Angst und Not die Menschen dazu, sich neu zu besinnen. Vor einigen Jahren hat sich an der Universität Klagenfurt der „Verein zur Verlangsamung der Zeit“ gegründet. Dessen Ziele werden nun in New York vorexerziert. Unsicherheit und Rückbesinnung halten sich dabei oft die Waage, berichtet J. Bryan Hehir, Sicherheitsberater der katholischen US-Bischöfe. Er zeichnete Mitte der 80er Jahre für den Friedenshirtenbrief verantwortlich. Schon in seinen Vorlesungen an der Harvard Universität prophezeite er, dass nicht mehr die Supermächte den Weltfrieden in Frage stellen werden, sondern kleinere Nationen und Gruppen, die gegen irgend etwas protestieren. Offensichtlich hat Hehir Recht behalten.
Niemanden verletzen
In einer Fun-Gesellschaft wie New York bekommt der Umgang mit der Trauer oft paradoxe Züge. So hat die angesehene „New York Times“ nun eine Seite eingerichtet, auf der täglich rund 15 Bilder der am 11. September Umgekommenen veröffentlicht werden. In einer Zeitung, in der über wirtschaftliche Erfolgsdaten der Wall Street berichtet wird, steht plötzlich wieder der Mensch im Mittelpunkt des Interesses. Nicht nur das Geld scheint wichtig, sondern vielmehr noch der Mensch in seiner Verletzlichkeit, in seiner Fähigkeit die Vergangenheit zu bewältigen. Inzwischen sind wieder viele New Yorker zur Routine übergegangen. Manch einer gibt offen zu, heute noch mehr zu arbeiten als sonst üblich. Denn dann müsse er nicht daran denken, was eigentlich geschehen sei. Und so wird über den 11. September auch nicht vom „Unglück“ oder dem „Terrorakt“ gesprochen: Vielmehr heißt es „what happened – was geschehen ist“, um ja niemanden zu verletzen oder die Stimmung der Trauer erneut hervorzurufen.
Scharen von Psychologen haben die Aufgabe übernommen, in den Schulen besonders die verwundbaren Kinderseelen zu behandeln, um das Geschehene zu bewältigen.Die Unsicherheit der Menschen fällt auch den Touristen auf, die aufgrund des Unglücks scharenweise ausgeblieben sind. Natürlich nutzt die Werbebranche das neue Miteinander und verspricht dem Touristen aufmerksamere New Yorker als früher.
Symbol: Lebensretter
Symbol für das neue Lebensgefühl sind die vielen Helfer, Ärzte und Retter. Nicht wenige haben unter Einsatz ihres eigenen Lebens andere gerettet. So wurden sie zu den „Männern des Jahres“, die New Yorker Feuerwehr-Einsatzkräfte, Symbol für persönlichen Einsatz und Lebensretter vieler Mitbürger.Es wäre falsch, das neue Gefühl gegenseitiger Hilfe in New York nur als Strategie von Werbeleuten abzutun. Nein, da ist etwas geschehen, was unter die Haut geht und mehr berührt als oberflächliche Meldungen.
Diesmal sind die Menschen tief getroffen, in ihrem scheinbar unverletzlichen typisch amerikanischen Selbstbewusstsein. Und genau das fordert das neue Miteinander heraus. Auch wenn die Wunde langsam heilt. Sichtbar bleibt sie noch lange.Mögen die New Yorker besonders zum Weihnachtsfest 2001 ihren Seelenfrieden finden und Vergebung denen zuteil werden lassen, die Schuldig sind an Leid und Trauer durch Terror.