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Wenn es Nacht wird in Bethlehem

Weihnachten 2001
Ausgabe: 2001/51, Bethlehem, Leben,
19.12.2001
- Ulrike Prenninger
„Draußen flogen Helikopter. Dumpfe Einschüsse waren immer wieder zu hören. Ambulanzsirenen heulten durch die Nacht“, erinnert sich die Oberösterreicherin Ulrike Prenninger. Auf ihrer Station in Bethlehem lag ein Knabe, erst ein paar Stunden alt.

Die Sonne ist schon hinter den Hügel der judäischen Wüste versunken. Draußen sorgt nur der Mond für ein wenig Licht in der dunklen Nacht, als ich zum Krankenhaus hinüberlaufe. Gleich beginnt mein Nachtdienst. Ich arbeite als Kinderkrankenschwester im Caritas-Baby-Hospital. Dieses ist das einzige auf Kleinkinder spezialisierte Krankenhaus in den palästinensischen Gebieten.

Zurzeit sind nur wenige Kinder auf meiner Neugeborenenstation. Die Gewalt auf den Straßen lässt viele Mütter zögern, ihr krankes Kind ins Hospital zu bringen. Sie haben Angst, ihre Häuser zu verlassen. Seit Wochen ist lediglich die Hälfte der Betten belegt. Wie viele Kinder in diesen Tagen wohl krank zu Hause sein werden? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Kinder, die hier sind, unsere Pflege und Zuwendung brauchen.

Symbol für das Leben

Als alle Neugeborenen versorgt sind und schlafen, unterhalte ich mich noch mit meinen Kolleginnen. Sie sind Palästinenserinnen – Christen und Moslems. Sie leben in Bethlehem und in den Dörfern der Umgebung. Amal erzählt von der Olivenernte. Ihre Familie hat ein kleines Stück Land, auf dem seit Generationen Olivenbäume wachsen. Dieser Baum ist hier ein Symbol für Leben. Aus Oliven wird Öl gepresst und aus dem Holz zaubern Schnitzer wunderschöne Skulpturen. Heuer sind frische Oliven selten. Israelische Siedler und Soldaten haben viele Hektar Olivenhaine zerstört. Das ist nur eines der Leiden, welches die Menschen hier aushalten müssen, ohne dass in Österreich jemand Notiz davon nimmt. Was ist schon ein Olivenbaum? Jeder entwurzelte Baum nimmt den Palästinensern etwas von ihren eigenen Wurzeln.

Wie lange die Menschen dieses Leben noch aushalten? Ihnen fehlt jede Zukunftsperspektive. Immer neu werden ihnen Grenzen und Beschränkungen auferlegt. Wozu sich Ziele setzen? Es gilt doch nur, heute zu überleben. Viele Familien können das aus eigener Kraft nicht mehr.

In all diesem Elend sehe ich sie „normale“ Dinge tun. Sie sitzen zusammen, spielen Backgammon, sie diskutieren oder starren einfach nur vor sich hin. Wenn nicht ein paar Straßen weiter die Soldaten wären, könnte man fast vergessen, dass man mitten im Nahost-Konflikt lebt.Ich erinnere mich an einen Nachtdienst. Draußen flogen Helikopter. Dumpfe Einschüsse waren immer wieder zu hören. Ambulanzsirenen heulten durch die Nacht. Ein neu geborener Knabe, gerade erst ein paar Stunden alt, lag auf unserer Station. Er atmete schwer. Seine Eltern konnten mit ihm das Hospital gerade noch rechtzeitig erreichen, bevor der Beschuss Bethlehems losging. Fühlt dieses kleine Kind den Druck? Fühlt es, dass sein Leben in Gefahr und seine Zukunft ungewiss ist?

Ahmed ist aufgewacht und schreit. Ich schaue nach ihm. Zum Glück kann ich ihn schnell beruhigen. Als er einschläft, denke ich an seine Familie. Wie wird es sein, wenn er wieder gesund das Spital verlässt? Wir entlassen ihn in eine unsichere Zukunft. Wie düster sie ist wird mir klar, wenn ich sehe, wie schnell manche Kinder wieder zurückkommen. Ihre Eltern lieben sie – aber sie können oft nicht einmal ihr eigenes Überleben sichern. Trostlose Gedanken zu Weihnachten in Bethlehem. Weihnachtsstimmung aber mag sich in den Straßen von Bethlehem derzeit wirklich nicht einstellen. Auf den Hirtenfeldern gibt es immer wieder Schießereien zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten. Und wenn Raketen und Panzergranaten einschlagen, hat es die Frohe Botschaft schwer, gehört zu werden.

Zukunft im Arm

Wenn ich den Sinn meiner Arbeit in Frage stelle, geben mir die Menschen den Mut weiterzumachen. Ein herzliches Lachen, ein stummes Kopfnicken oder ein fester Händedruck machen mir klar: wir sind Freunde. Wir leben zusammen in Bethlehem, wo vor 2000 Jahren Jesus geboren wurde.
Auch heute Nacht werden in Bethlehem wieder Kinder geboren. Ich wünsche mir, dass sie gesund aufwachsen können, dass sie die selben Chancen haben, sich zu entfalten und eine Persönlichkeit zu werden, wie andere Kinder auch. Vielleicht klingt dieser Wunsch naiv. Aber wenn ich ein Neugeborenes im Arm halte und sich seine sanfte Faust über meinen erwachsenen Finger schließt und ich nicht weiß, wer hält jetzt wen; wenn dieser kleine Mensch ruhig atmet, wenn ich spüre, wie er lebt, dann wird mir wieder klar, dass es eine Zukunft gibt. Damals lag sie in der Krippe, heute liegt sie in meinem Arm.
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