Weit über 100 Kinder aus aller Welt leben im Friedensdorf an der Ruhr, wo sie von ihren teils schweren Verletzungen geheilt werden. „Jede gesunde Heimkehr ist ein kleines Weihnachten“, sagt Christoph Wiesinger.
„Es war die größte Überraschung für die Kinder, dass es gerade am 24. Dezember geschneit hat. Vor allem für jene aus Angola war es zum ersten Mal, dass sie richtigen Schnee gesehen haben“, erinnert sich Christoph Wiesinger an seinen Nachtdienst vor dem Heiligen Abend. Bis vor kurzem war der 21-jährige Bäcker aus Gmunden als Auslandszivildiener im Friedensdorf in Oberhausen an der Ruhr. „Gegen 5.30 Uhr sind die ersten aufgewacht, und draußen war alles weiß. Schon sind sie hinausgestürmt und haben begeistert im Schnee Fußball gespielt.“
Zurückhaltender reagierten hingegen die rund 130 Kinder, als nur zwölf Stunden später der Weihnachtsmann für alle ein kleines Päckchen im Speisesaal vorbeibrachte: „Für die allermeisten war das fremd“, erklärt sich Wiesinger die Reaktion. Imanuel war das Fest zwar vertraut. Es mit Geschenken zu feiern war dem kleinen Angolaner jedoch neu. Erst recht den Kindern aus Afghanistan „fehlte völlig der Plan. Ihnen mehr über Jesus und Maria zu erzählen hätte für sie unter dem Taliban-Regime schlimme Folgen haben können. Schon der Besitz von Erinnerungsfotos an den mehrmonatigen Aufenthalt in Oberhausen war bislang in Afghanistan lebensgefährlich. Deshalb durften wir im Dorf keine Fotos mit Kindern machen“, erklärt Christoph Wiesinger. Dass sonst die Geburtstage der Kinder im Friedensdorf nicht gefeiert werden, ist für Christian Wilfinger (19) leicht erklärt: „Weil die meisten gar nicht wissen, wann sie zur Welt gekommen sind. Ihr Alter wird nur geschätzt“, erzählt der Steirer, der seit August 2001 Zivildienst in Oberhausen leistet.
Beiden Seiten helfen
Der Anfang des Friedensdorfes geht, wie sollte es anders sein, auf einen Krieg zurück: Als 1967 der 3. Israelisch-Arabische Krieg ausbrach, wollte man vor allem Kindern helfen. Der „Sechstagekrieg“ war jedoch schneller beendet, als das Friedensdorf aufgebaut. 1968 kamen dann erstmals Kriegsopfer aus Vietnam nach Oberhausen.
„Unabhängig ob die Kinder von dieser oder jener Kriegspartei kommen, wir helfen auf beiden Seiten“, erklärt Thomas Wöhrer von „Friedensdorf International“ in Steyr. 1990 wurde der Verein in Österreich gegründet, der eng mit Oberhausen zusammenarbeitet. Wie erst Anfang dieser Woche beispielsweise kommen Kinder aus Afghanistan zunächst mit einer Sondermaschine nach Düsseldorf, ehe ein Teil zur medizinischen Versorgung in österreichische Krankenhäuser gebracht wird. Und ist die Behandlung der kleinen Patienten erfolgreich abgeschlossen oder kann sie erst nach längerer Pause wieder fortgesetzt werden, so kommen die Kinder auch nach Oberhausen. Für die Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten ist die Behandlung in Europa meist die letzte Überlebenschance. Zuletzt jährlich rund 1000 Kindern aus insgesamt 44 Ländern konnte auf diese Weise geholfen werden.
Mujibullah schiebt
Auch wenn heute die medizinische Hilfe im Vordergrund steht: die ursprüngliche Idee, Kinder der verschiedenen Kriegsparteien im Friedensdorf zusammenzubringen, hat eine neue Bedeutung gewonnen. Thomas Wöhrer: „Ein so großes Dorf, wo Kinder aus verschiedenen Ländern und Religionen über Monate miteinander unterwegs sind, ist beeindruckend.“ Auszuschließen ist es dennoch nicht, dass „auch im Friedensdorf gestritten wird“, wie Christian Wilfinger weiß. Den Steirer bewegt eine Alltagsszene: Der sechsjährige Mujibullah schiebt Kinder im Rollstuhl. Und dabei entdeckt der blinde Bursche aus Afghanistan das Leben im Friedensdorf.
„Es ist wie ein Fest“, erzählt Christoph Wiesinger, „wenn die Kinder erfahren, wer gesund nach Hause fliegen darf, wie vor zwei Wochen 39 afghanische Kinder. Auch wenn sie mir ans Herz gewachsen sind und mir der Abschied oft schwer fiel. Für mich war jede gesunde Heimkehr ein kleines Weihnachtsfest.“