Ein Kind als Friedensbote ist eine klare Botschaft. Und die Weihnachtskrippe ist deshalb auch keine harmlose Idylle, meint der Franziskaner P. Andreas Müller.
D as Jesuskind in einer Futterkrippe, von Maria und Josef ehrfürchtig bestaunt, von Ochs und Esel und Schafen umringt. So kennen wir die Weihnachtskrippe auf allen Weihnachtsmärkten, in Wohnzimmern und Kirchen. Eine Idylle für leuchtende Kinderaugen, die freilich nur noch wenig zu tun hat mit dem, was der „Erfinder“ der Weihnachtskrippe verkünden wollte. Es war im Dezember 1223 in einer Einsiedelei bei Greccio. Franz von Assisi dachte nach über das Unglaubliche, das in der Heiligen Nacht auf Bethlehems Fluren geschehen war. „Wie wäre es“, dachte er, „wenn ich mit meinen eigenen Augen sehen könnte, wie klein und arm Gott sein will. Wie wäre es, wenn ich mit meinen eigenen Fingern die Not betasten könnte, in die hinein Gott geboren wurde – damals in Bethlehem. Ja, wie wäre es, wenn ich an Weihnachten den Geruch von Ochs und Esel in der Nase hätte, und wenn ich mit meinem ganzen Körper mich über die große Armut beugen könnte, die Jesus damals in der Krippe auf sich nahm?“ Das erste Krippenspiel sollte es werden in der Geschichte der Volksfrömmigkeit, das Modell für unsere Weihnachtskrippe. Franziskus sah wirklich, „wie Gott sich klein macht jeden Tag, er roch seine Gegenwart zwischen den Tieren, und er beugte sich über den armen Gott. Und er sang mit den Leuten das Lied vom menschlichen Antlitz Gottes“.
Die Welt ist voll Hass und Terror, voll Krieg und Gewalt. Wir bitten Dich, Herr über Leben und Tod. Ergreif Partei für das Leben. Schmilz den Hass weg mit Deiner Liebe. Vertreib die Gewalt. Mach die Welt zu einem Haus, in dem Friedeund Liebe wohnen. Gebet um Frieden von Eveline Pirklbauer (9)
Ein Gott, den man riechen, anschauen, liebkosen kann. Ein unergründliches Geheimnis! Wie anders aber hätten wir die Menschwerdung Gottes inszeniert. Alle Großen wären versammelt, die Reichen und Mächtigen hätten sich die ersten Plätze reservieren lassen. Das gemeine Volk und die Armen wären allenfalls geduldet hinter streng bewachten Sicherheitszäunen. Wie anders denkt und handelt Gott. Er steigt herab, zieht aus aller Sicherheit aus. Außerhalb der Stadt wird er geboren und in eine Futterkrippe gelegt, „weil in der Stadt kein Platz für ihn war“ (Lk 2, 7).
Auf Bethlehems Fluren stimmen Engel das Leitmotiv an: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2, 14). Darin bündelt sich der biblische Glaube, der beides verbindet: Gott und die Welt, die Begegnung mit dem Geheimnis Gottes und die politische Gestaltung des messianischen Reiches. Nur wenn wir Gott die Ehre geben, also über uns selbst hinausschreiten, sind wir auch fähig zum Frieden in den weltweiten menschlichen Beziehungen. Je mehr wir das Gewicht Gottes für unser Leben anerkennen, um so engagierter können wir uns auf die Realitäten der Welt einlassen. Je mehr wir aus dem Blickwinkel der Leidenden und Opfer der Gesellschaft, der Verstoßenen, der Verachteten, der Armen und Aussätzigen zu sehen und zu handeln vermögen, um so mehr kommen wir den Ursachen von Konflikten und Terrorakten auf die Spur, können die heilende Gegenstrategie entwickeln. Und je weniger wir um Ehre und Macht besorgt sind, um so mehr verstehen wir Jesus von Nazareth und sein Evangelium.
Solche Einsichten wurzeln im göttlichen Programm der Menschwerdung, das wir an Weihnachten feiern. Es ist die Manifestation der Demut Gottes, der herabsteigt in die Niederungen des menschlichen Lebens. Eines Gottes, der alle Unheilserfahrungen der Menschen ernst nimmt und besorgt ist um deren Not und Elend, Leid und Betroffenheit, Freude und Angst. Eine Religion, die sich zur Menschwerdung Gottes bekennt, geht freilich noch weiter. Sie fragt auch nach den Ursachen, bezieht die Täter mit ein, sucht nach dem eigenen Anteil an Schuld, ist Solidarität in Gnade und Schuld. Wir müssen also auch fragen nach dem eige-nen Fehlverhalten; müssen bedenken, dass mangelnde Achtung vor dem Anderen, verfehlte Beziehungen und falsche Politik, die es an Fairness und Gerechtigkeit fehlen ließen, zu Katastrophen führen können, wie wir sie am 11. September erlebt haben.
Menschen, dien für solche Fragen offen sind, die auch die eigene Schuld bedenken, sind Menschen „seiner Gnade“. Ihnen gilt die Verheißung des Friedens. Sie tragen den Frieden in sich und können deshalb auch Frieden schaffen. Ein Kind als Friedensbote ist eine klare Botschaft. Nicht mit Gewalt und Rechthaberei, sondern nur mit Hingabe und Sorge, mit Güte und Erbarmen wird es gelingen. Und ganz sicher nur, wenn wir auch „Gott verherrlichen“, wie es die Engel singen. Die Weihnachtskrippe ist also doch keine harmlose Idylle, sondern ein mächtiger Impuls zur Umkehr – zur Menschwerdung des Menschen.
P. Andreas Müller leitet die Missionszentrale der Franziskaner in Bonn.