Afghanistan: Der Papst warnte vor Logik der Gewalt – Die Welt führte „einen Kampf für Frieden“
Ausgabe: 2001/50, Papst, Johannes Paul, Krieg, Terror, Gewalt, Afghanistan, USA, Beten, Fasten
19.12.2001
- Hans Baumgartner
Für den 14. Dezember ruft der Papst zu einem Tag des Fastens für den Frieden auf. Er glaubt nicht an die Friedenskraft der Waffen.
Musik und tanzende Männer in den Straßen von Kabul, Jugendliche, die im Stadion wieder dem Ball nachjagen anstatt grausame Hinrichtungen mitanzusehen, Mädchenschulen, die offen unterrichten dürfen, Frauen, die sich aus ihren Häusern wagen, anrollende Hilfstransporte und erste politische Schritte für eine zukünftige Friedensordnung. Schon wird die unter dem Schock vom 11. September mit aktiver Beteiligung der UNO gebildete Allianz gegen Gewaltherrschaft und Terror als „Modell für die Zukunft“ gehandelt.
Stunde der Wahrheit
Der Innsbrucker Sozialethiker Wolfgang Palaver warnt vor zu raschen und einfachen Schlüssen. Noch sei nicht klar, wie bald die USA und ihre Verbündeten diese Militäraktion beenden werden, oder ob sie sich in einen jahrelangen Krieg gegen den Terror verstricken. Bisher könne auch niemand sagen, ob es der internationalen Gemeinschaft tatsächlich gelingt, eine gerechte Friedensordnung in Afghanistan zu schaffen, erinnert Palaver an die ungelösten Probleme in Bosnien und im Kosovo. „Und noch wissen wir nicht“, wie hoch der Preis an Menschenleben ist, auch wenn bis jetzt einiges darauf hindeutet, dass die USA nicht wild drauflos bombardiert haben.“ Und sogar wenn diese Fragen positiv beantwortet würden, wäre es eine Illusion, zu meinen, dass man mit Militärinterventionen und weltweit koordinierten Polizeiaktionen den Terrorismus besiegen könnte, meint Palaver. „Wenn der 11. September tatsächlich die Welt verändert hat, wie viele sagen, dann sollte auch unsere selbstkritische Nachdenklichkeit zugenommen haben. Denn wenn wir nach den Hintergründen des Terrorismus fragen, dann hat dieser auch etwas mit unserer politischen, sozialen und wirtschaftlichen Weltordnung zu tun; mit der ungerechten Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen und mit der vielfach unbedachten Selbstverständlichkeit, mit der wir in den reichen Industriestaaten den anderen das Brot vom Teller essen.“ Es wäre aber zu billig, in diesem Zusammenhang bloß mit dem Finger auf die Symbole des Kapitalismus und der Globalisierung – von McDonald und Coca Cola bis Weltbank und Wall Street – zu zeigen, meint Palaver. „Wir müssen erkennen, diese Welt-Unordnung hat auch etwas mit meinem Lebensstil zu tun. Fast jeder von uns lebt als Mitglied einer reichen Gesellschaft über seine Verhältnisse. Gerade als Christen müssten wir uns fragen, wie bewusst durchbreche ich in meinem Alltag (Energieverbrauch, Einkauf, Geldanlage etc.) diese Ordnung, was tue ich in meinem sozialen und politischen Engagement dagegen? Und wo setze ich mich dafür ein, dass Konflikte gewaltarm gelöst und das Miteinander von Menschen verschiedener Ansichten und Kulturen gefördert werden?“
Gewalt zerstört Frieden
Die Kirche hat auf die Militäraktion gegen das Taliban-Regime und die Söldner des Bin Laden mit unterschiedlichen Stimmen reagiert. Papst Johannes Paul hat mehrmals sehr deutlich gemacht, dass er „Gewalt in jeglicher Form“ für ungeeignet halte, Konflikte zu lösen. Vielmehr schlage sie neue Wunden und rücke das friedliche Zusammenleben in weite Ferne. Einzelne Bischöfe und Bischofskonferenzen aus den USA, Großbritannien und Deutschland, aber auch das vatikanische Staatssekretariat zeigten hingegen ein gewisses Verständnis für das Vorgehen der Allianz gegen den Terror. Sie warnten allerdings auch vor Vergeltungsdenken, vor unangemessenen Maßnahmen und forderten ein rasches Ende und eine humanitäre und politische Lösung. Ein Konflikt in der Kirche zwischen dem Pazifisten Johannes Paul und den Realisten, wie es in Kommentaren hieß? Wolfgang Palaver sieht das anders. „Johannes Paul II. ist der erste Papst seit der Konstantinischen Wende (327), der die christliche Botschaft ohne Verflechtungen in weltliche Machtkonstellationen vertreten kann – und das auch tut. Dazu kommt, dass für ihn christliche Ethik ganz stark in der Nachfolge Christi wurzelt. Von da her überrascht es nicht, dass Feindesliebe und Gewaltlosigkeit schon in frühen Schriften von Karol Wojtyla ein besonderes Markenzeichen für Christusnachfolge sind.“ Das erkläre, warum der Papst in prophetischer Weise der Welt immer wieder ein Warnschild vor Augen hält: Das menschliche Leben ist heilig und unbedingt zu achten!
Doch ein „gerechter Krieg“?
Weltliches, politisches Handeln finde – auch in der Sicht des Konzils – auf einer anderen Ebene statt, meint Palaver. Dass auch hier ethische Kriterien angewandt werden, und sei es nur die Wahl des kleineren Übels, ist von den Christen und Kirchen einzumahnen. Auf dieser Ebene seien die oben erwähnten Erklärungen der Bischöfe anzusiedeln. Palaver sieht aber auch eine weitere Spannung. Es gebe eine neue Debatte in der Kirche über den „gerechten Krieg“. Die Position seit dem Golfkrieg (1991) lautete: Die Wirkung der modernen Waffentechnologie sei so verheerend, dass von einer Angemessenheit der Mittel, mit denen Unrecht bekämpft werde, nicht mehr gesprochen werden könne. Es gebe keine „gerechten Kriege“ mehr. Diese Position hatte vor allem den „klassischen Krieg“ zwischen Staaten vor Augen, meint Palaver. Angesichts „militärischer Polizeiaktionen“ der Weltgemeinschaft gegen menschenrechtsverletzende oder terroristische Regime erscheine die Frage in einem neuen Licht. Gerade weil es dabei um Freiheit und Menschenrechte gehe, dürfe die Anwendung von Gewalt nur das „allerletzte Mittel sein, das sehr strengen Kriterien unterworfen ist“, fordert Palaver.
Beten und Fasten
Papst Johannes Paul hat die Katholiken für den 14. Dezember, den letzten Tag des islamischen Fastenmonats Ramadan, zu einem weltweiten Fasttag für den Frieden aufgerufen. Für den 24. Jänner lud der Papst Vertreter aller Religionen zu einem Friedensgebet nach Assisi. Die Diözesen wurden in einem vatikanischen Schreiben gebeten, in der Zeit zwischen den beiden Tagen Friedenswalfahrten zu veranstalten. Der Fasttag solle auch zu einer Besinnung über das eigene Friedensengagement genutzt werden. Am Vorabend des Gebetstages (23. 1.) soll in allen Pfarren ein Friedensgebet stattfinden. Zu Fasten und Gebet sollen auch Menschen anderer Konfessionen und Religionen eingeladen werden.