Wer ist Jesus von Nazareth? In unzähligen Anläufen, mit Geschichten, Bildern und Bezeichnungen, suchen die Verfasser der neutestamentlichen Texte Jesus zu begreifen, seine Wirkung zu verstehen, seine Außergewöhnlichkeit zu beschreiben. Diese Suchbewegung kommt an kein Ende. Zu jeder Zeit, in jeder Kultur lebt die Frage: Wer ist dieser Jesus? Welche Bedeutung soll man ihm zuschreiben? Ist er wirklich die maßgebliche Gestalt für das Glück und die Seligkeit der Menschen? Aber es ist nicht zu übersehen: Gegenwärtig ist die Frage nach Jesus fast zugeschüttet, überlagert von einer Suche nach religiösen Erfahrungen außerhalb des Christentums: in östlichen Religionen, in esoterischen Geheimnissen, in Edelsteinen oder in Kontakt mit Engeln. Leicht und unverbindlich konsumierbar, als mystischer Reiz in einer unübersichtlich und bedrohlich empfundenen Welt. Wo ist hier Jesus? Wie ihn suchen?Das Evangelium vom Sonntag zeigt den Anfang. Die Suche beginnt – ganz aktuell – mit der Astrologie: Ein neuer König soll geboren sein.
Sterndeuter, später die Heiligen Drei Könige, kommen, um dem Kind in der Krippe Ehre zu erweisen. Sie schenken dem Kind das Wertvollste: glänzendes Gold, heiligen Duft und wohlriechendes Parfüm. Mehr an Wertschätzung ist nicht mehr möglich. Welch jubelnde Zustimmung zum Leben! Wie duftend, glänzend und sinnlich beginnt unsere Religion! Aber vorher noch: Die Geburt im Stall, Ochs und Esel mit dabei. Arm, karg und kalt, draußen vor der Tür der Geborgenheit.
Der marxistische Philosoph Ernst Bloch vermutete darin die Wahrheit des Christentums: „Zu einem Kind, das im Stalle geboren, wird gebetet. Näher, niedriger, heimlicher kann kein Blick in die Höhe umgebrochen werden. Zugleich ist der Stall wahr, eine so geringe Herkunft des Stifters der christlichen Religion wird nicht erfunden.“ Welch bedauerliche Bescheidenheit! Wie ärmlich, wie ausgesetzt und fröstelnd beginnt unsere Religion! Glänzend und arm, heilig und ausgegrenzt, kalt und voller Duft. Zusammengebunden die äußersten Extreme.
Dieses Evangelium wird niemals vergehen. Da rührt uns etwas ganz tief an. Da ist eine sichere Intuition, das bestimmte Gefühl. Kein Held erscheint, kein unbezwingbarer Krieger. Ein Säugling in Windeln. Gibt es noch mehr an Empfindung von Freude, Frieden und Schönheit? Ich möchte den kleinen Säugling Jesus, wie alle anderen Säuglinge auch, vorsichtig in die Arme nehmen, ihn sanft wiegen, ihm ein Lied summen und ihm leise zuflüstern: Ich freue mich so, dass Du da bist!
Wilhelm Achleitner, Direktor des Bildungshauses Schloss Puchberg bei Wels.