Karl und Ulrike sind gestern zu spät zu einer Schulveranstaltung der Tochter gekommen. Ulrike: Das ist typisch für dich, da fällt dir auf einmal ein, dass du ins Geschäft XY gehen musst, egal ob die Zeit noch reicht oder nicht. Das ist immer so, darum kommst du überallhin zu spät. Karl: Ich habe mir halt gedacht, es geht sich noch aus. Du nimmst dir ja auch immer zu viel vor und bist dann abgehetzt. Da darf ich dann nichts sagen. Ulrike: Na super, dass du jetzt alles auf mich schiebst. Wer kommt denn immer zu spät? Sogar den Kindern ist das schon aufgefallen. Karl: Das bildest du dir ein. Aber so ist es immer. Wenn ihr alle gegen mich seid, geht es euch besser.
Das Gespräch ließe sich noch lange so fortsetzen: In einer atemberaubenden Schnelligkeit Schuldzuweisungen, die beide erschöpfen und frustrieren. Viele der Gespräche enden so. Wie kommt das Paar aus dem Kreislauf heraus? Was macht die Gespräche so mühsam und unfruchtbar?
- Beide reden über den anderen (du hast, du bist) anstatt über sich selbst zu sprechen. Du-Sätze sind Vorwürfe, die das Gegenüber veranlassen zurückzuschlagen.Zielführender ist es, von mir selbst zu sprechen: Wie habe ich die Situation erlebt? Wie geht es mir? Von eigenen Gefühlen sprechen braucht Mut, bringt aber Nähe.
- Immer, überall hin, alle, typisch – das sind Verallgemeinerungen, die den anderen verletzen und sicher nicht stimmen. Besser ist es, ein ganz bestimmtes Beispiel zu erzählen.
- Sogar den Kindern ist es schon aufgefallen – dieser Satz lenkt vom Thema „Zu spät kommen“ ab und das Gespräch beginnt spätestens hier, sich im Kreis zu drehen.
- Da der Schlagabtausch zwischen beiden so schnell abläuft, hat weder Ulrike noch Karl Zeit, dem anderen zuzuhören. Ich ermuntere, dass einer von ihnen spricht und der andere „nur“ zuhört. Genaues Zuhören ist sehr anspruchsvoll und gibt dem Erzählenden das Gefühl, beachtet und verstanden zu werden. Etwas, was beide dringend nötig haben.
Am Ende des Gesprächs, das ruhiger abläuft, sagt Ulrike: „So haben wir noch nie miteinander gesprochen. Es war angenehm, dass du mir zugehört hast.“ Karl: „Entspannt hat mich, dass ich keine Gegenargumente suchen musste.“
Karin Remsing, Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberaterin in der Diözese Linz.