Gesichter alter Männer auf Kinderkörpern. Nach Jahren des Krieges hat Alusine erstmals keine Angst, wenn er vor Müdigkeit die Augen schließt.
„Ich war im Wald unterwegs. Plötzlich ratterte eine Kalaschnikow und schon pfiffen mir die Kugeln um die Ohren. Ein Mann rief: ,Wenn du nicht rauskommst, schieß ich dich in Stücke.‘ Was blieb mir übrig? Ich musste ihm seine Panzerfaust tragen. Mein neuer Chef war der Rebellenkämpfer Colonel Hada“, erzählt Alusine Kamara. Er behauptet, 14 Jahre alt zu sein. Seine Betreuer im Caritas-Camp für ehemalige Kindersoldaten sind sich aber einig: Er ist höchstens elf. Als seine Militärkarriere begann, war Alusine also gerade einmal neun. „Am ersten Abend im Rebellenlager griffen uns Regierungssoldaten an. Ich habe zum ersten Mal erlebt, wie Menschen tot gemacht werden. Das war schrecklich. Ich hab geschrien, gezittert und geheult.“ Alusine Kamara erzählt stockend und presst seine Hände zusammen bis die Fingernägel ganz weiß sind. Er ist einer von rund 5400 Kindern, die im Bürgerkrieg von Sierra Leone das Mordgeschäft für Regierende und Rebellenchefs erledigen: Beide Parteien versuchen, die Diamantenminen des westafrikanischen Staates unter ihre Kontrolle zu bringen. Seit zehn Jahren legen sie das Land in Schutt und Asche. Zwei Millionen Menschen sind heimatlos, über 100.000 wurden ermordet. Auf Rebellenseite sind drei von vier Kämpfern Kinder wie Alusine Kamara.
Geborgenheit erleben
Geborgenheit erlebt der sympathische Elfjährige mit der breiten Stupsnase und dem traurigen Blick im Caritas-Camp von Lungi, nahe der Hauptstadt Freetown – zum ersten Mal. Hier wohnt er in „Zelt 10“ und fühlt sich unter 145 Kindern wie ein Märchenprinz. Nach der Zeit zwischen schwingenden Macheten und tödlichen Kugeln weiß er genau: „Hier braucht niemand Angst um sein Leben zu haben, wenn man vor Müdigkeit die Augen schließt.“ Ruhe und Zuflucht finden hier auch 24 Mädchen, die von Soldaten missbraucht wurden. Einige sind hochschwanger. Die meisten haben ihre Kinder schon zur Welt gebracht. „Meinen ersten Kampf musste ich in Kabala bestehen. Wir hatten den Auftrag, bei der Friedenstruppe Ecomog Waffen und Munition zu erbeuten. Wir haben angegriffen und auf alles geschossen, was sich bewegte. Auch auf Zivilisten. Ich weiß nicht, wieviele ich verwundet oder getötet habe.“ Als Kind hat Alusine drei Schuljahre geschafft. „Was uns der Lehrer in unserer Dorfschule beigebracht hat, habe ich vergessen. Bei den Rebellen drehte sich alles nur ums Kämpfen. Dabei war mein Boss stark und schlau. Er hat immer gesiegt. Uns gaben sie vor jedem Angriff Marihuana. Dann hab ich mich ganz stark gefühlt. Irgendwie habe ich mich daran gewöhnt, Leute sterben zu sehen und Leute zu töten.“Alusines Schicksal „gleicht den Geschichten der meisten anderen Buben“, weiß Abu Kamara, 28, psychologischer Betreuer der Kinder: „Sie sind keine Täter, sie sind Opfer.“ Von Rebellen gefangen, mussten viele einen nahen Angehörigen umbringen. „Damit sie nie auf die Idee kommen, noch einmal nach Hause zu wollen.“ Das Leben in Lungi empfindet Alusine „als Befreiung“. Dennoch träumt er, seit er hier ist, Nacht für Nacht den gleichen Albtraum: „Mein Rebellenchef ist hinter mir her; er will mich umbringen, weil ich abgehauen bin. Wenn ich wach werde, bin ich nervös und nass geschwitzt. Ich bete zu Gott, dass er mir verzeiht und mir hilft, das alles eines Tages vergessen zu können.“ Ersatzmutter Agnes Dawoh, die „Zelt 10“ betreut: „Die Jungen kommen hier leicht mit Gott in Kontakt. Sie beten mit Inbrunst und spüren, dass er viel mächtiger ist als eine gut geladene Kalaschnikow. “
Wieder lachen lernen
In Lungi helfen Psychologen und Sozialarbeiter den Kindern, mit der Last ihrer Taten fertig zu werden. „Durch die Gemeinschaft lernen sie wieder zu vertrauen, sie lernen wieder zu lachen, und sie finden bei Spiel und Spaß zurück zu den Gefühlen ihrer Kindheit“, erklärt Abu Kamara den Therapieansatz. Wichtig sei es, so der Psychologe, an das Schöne der Kindheit anzuknüpfen. Denn sonst verhindern die Schrecken der Soldatenjahre jede Entwicklung.Auch Alusine war „traumatisiert“. Inzwischen hat er aber gelernt, über das zu sprechen, was er gesehen und getan hat. „Wer alles in sich hineinfrisst, wird nie ein neues Leben beginnen können“, weiß Abu Kamara. Nach dieser Heilungsphase ermöglichen die Sozialarbeiter jedem eine Schul- oder Berufsausbildung, „und wir integrieren die Jungen in eine Familie, entweder in die eigene oder in eine Adoptivfamilie. Das wahre Leben spielt sich nicht in einem Lager ab, sondern in der Geborgenheit einer Familie.“ Abu Kamara: „Wir gehen in die Familien und in die Dörfer, um die Menschen davon zu überzeugen, dass die Kinder nicht Täter, sondern Opfer sind.“ Wenn die Buben wieder zu Hause aufgenommen werden, gibt es ein riesiges Fest, „bei dem der verlorene Sohn wieder zum Teil der Familie wird“. Toni Görtz
Aktion Volltreffer
Zur Sache
Bewaffnet bis an die Milchzähne – für 300.000 Mädchen und Burschen ist das brutaler Alltag. Im Bemühen, den Einsatz von Kindersoldaten zu stoppen, startet in Österreich Missio (Päpstliche Missionswerke) die „Aktion Volltreffer“. Im Mittelpunkt steht: Was wird aus den Kindern, wenn sie die Waffen abgeben? Wie brisant diese Frage ist, belegen jüngste Zahlen aus Sierra Leone: Von Mai bis Ende Oktober vergangenen Jahres wurden im westafrikanischen Land 3340 Kinder entwaffnet. Pater Theo Momoh, der seit 1993 ehemalige Kindersoldaten betreut: „Wenn wir sie nicht schnell aufnehmen, werden sie zu Terroristen. Sie kennen ja kein anderes Leben, als dass sie sich alles mit Waffengewalt besorgen.“
- Bei der Heilung der Kinderseelen spielt oft Fußballspielen eine große Rolle. Die „Aktion Volltreffer“ – ein Benefiz-Torschießen – will ebenfalls spielend einstige Kindersoldaten unterstützen. - Weil Kindersoldaten Menschen brauchen, die sich für sie einsetzen, heißt der zweite Teil der Aktion: „Ich stelle mich an deine Seite!“ - Für ihre Kindersoldaten-Kampagne hat Missio einen eigenen Fonds (PSK 7.015.500) eingerichtet. Damit werden Projekte in Uganda und Kolumbien unterstützt.
Volltreffer
Kommentar
Es ist kaum auszusprechen: „Internationale Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für die Kinder dieser Welt.“ Aber es ist der Titel, den die UNO den Jahren 2001 bis 2010 gegeben hat. Viel zu spüren war davon bisher nicht. Umso erfreulicher, dass nun Missio mit einer Kampagne den entsetzlichen Missbrauch von Kindern als Soldaten in den Mittelpunkt stellt. Darin unerwähnt jedoch bleibt eine heikle Österreichdimension. Mit der Möglichkeit zum freiwilligen Präsenzdienst ab 17 gibt es auch bei uns offiziell Kindersoldaten. Ihre Zahl hat sich seit Anfang der 90er Jahre sogar nahezu verdreifacht. Dagegen einzutreten, würde Österreich im Kampf gegen Kindersoldaten glaubwürdig machen. Und der Beitrag von Missio zur Dekade für eine Kultur der Gewaltfreiheit wäre ein echter Volltreffer.