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Sorge der Alten: Was wird für uns noch übrig bleiben?

Wohin entwickelt sich die Pflege? Diskussion zum Sozialwort der Kirchen
Ausgabe: 2004/11, Sozialwort, Pflege, Alter, Pensionisten, Menschen, Scholta, Gallneukirchen, Diakoniewerk,
10.03.2004
- Matthäus Fellinger
Das Evangelium wurde nicht mit dem Sparstift geschrieben – besonders, wenn es um Menschen geht, die auf Hilfe angewiesen sind.

Man stelle sich vor: Zwei Einzelkinder heiraten und bekommen ein Kind. Dieses hat dann weder Geschwister noch Onkel und Tanten, aber Eltern, Großeltern und vielleicht Urgroßeltern. Der Fall, den Dr. Margit Scholta aufzeigt, ist nicht selten und beschreibt das Phänomen der Alterspyramide und ihre Folgen. Nicht: „Wie wollen wir“, sondern: „Wie müssen wir im Alter leben?“ Das ist die Frage und die Angst, die Menschen in Hinblick auf ihr Alter hegen, meint Scholta, Oberösterreichs Pionierin in der Altenpflege.

Ein voller Saal in der Martin-Boos-Schule des Evangelischen Diakoniewerks in Gallneukirchen zeugte am 2. März von der Brisanz des Themas. Viele Pflegende, aber auch politische Vertreter aus der Region, waren zur öffentlichen Diskussion um das Sozialwort der christlichen Kirchen gekommen.
Kirchliche Leute an der Basis haben viel Erfahrung – auch beim Thema Pflege. Darauf konnten die 14 christlichen Kirchen Österreichs bei der Erstellung des Sozialwort zurückgreifen, betonte Bischof Maximilian Aichern. Die Nächstenliebe und die Gottesliebe in Einklang zu bringen, das sei Herausforderung auch an die Kirchen selbst.

„Wird es sich lohnen, noch zu leben?“ Diese Frage stellen sich zunehmend mehr Menschen angesichts der Art, wie Altern öffentlich dargestellt wird, betonte Dr. Gerhard Gäbler. Als Direktor einer der wichtigsten Pflegeorganisationen, des Diakoniewerkes, rechnet er damit: Pflegeangebote, wie es sie heute gibt, wird es in Zukunft so nicht mehr geben.

Das Netz, durch das familiäre Pflege ergänzt und unterstützt wird, stößt an Grenzen. Mobilen Pflegediensten müsse daher der Vorzug vor stationären Pflegeangeboten gegeben werden. „Aber gerade hier wird am meisten gespart!“ Nachbarn und Ehrenamtliche wären herausgefordert, Verantwortung im Sinne der Nächstenliebe zu übernehmen, betont Gäbler. Auch die christlichen Gemeinden müssten neu entdecken: Wer ist unter uns alt – und wem müssen wir beistehen?In der Diskussion verstärkten Pflegende diese Anliegen: Viele Altenpfleger/innen wollen in Großheimen alten Stils einfach nicht mehr arbeiten.

Josefine Strbac ist Altenfachbetreuerin. Dass gerade im Sozialbereich am meisten gespart wird, stößt ihr sauer auf. Missstände entstehen durch Personalmangel, betont sie – wenn es zum Beispiel keine Vertretungen gibt. Und die Medien greifen die Missstände auf, berichten aber kaum davon, wenn es jemanden in einem Heim schlicht und einfach gut geht. Das zermürbt auch Pfleger und Pflegerinnen. Oberösterreich sei im Vergleich mit anderen Bundesländern noch gut dran. Beschwerden, was die Einhaltung der Gesetze betrifft, gebe es aber auch hier. Mehr Kurse, Ausspracheangebote, auch körperliche Entlastungen, wären notwendig.

Auch Pflege rentiert sich

Investitionen in den Pflegebereich sind nicht populär, beklagt Strbac. Dabei brächten Sozialausgaben in einer Region über Umwegrentabilität wieder vieles an Geld herein. „Bei Abfangjägern spricht man von Folgegeschäften“, bei Investitionen in die Pflege jedoch nicht.
Der Sparstift soll nicht die Sozialpolitik steuern, wurde mehrfach in der Diskussion eingebracht. „Wie viel Geld zur Verfügung steht, entscheidet die Politik“, betonte Bürgermeister Mag. Walter Böck aus Gallneukirchen. Man müsse eben auch an Besteuerung von Maschinen oder Kapital denken.

Trotzdem: Das Alter mehr von seinen Chancen her zu sehen, ist auch Anliegen Dr. Gäblers: „Wie möchten wir selber leben – in 20, 30 Jahren?“ – diese Frage müsse man sich bei der Suche nach Lösungen vor Augen halten. Dr. Scholta möchte dabei auch die „jungen Alten“ verstärkt in die Pflicht nehmen. Viele erwarten ab der Pensionierung nur mehr, dass sie bestmöglich versorgt werden, statt dass sie auch selber noch Sorge tragen für andere.




Zur Sache


Das Sozialwort diskutieren

Im SFK Wälzlagerwerk Steyr (Seitenstettner Straße 15) findet am Mittwoch, 24. März, 19.30 Uhr, die zweite Diskussion zum Ökumenischen Sozialwort statt. Thema: Wirtschaft – am Menschen orientiert?
Bischof Maximilian Aichern, AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer, Dr. Erhard Prugger von der Wirtschaftskammer, Betriebsseelsorgerin Rosa Sturmberger und Pfarrer Friedrich Rössler diskutieren zum Kapitel „Wirtschaft – Arbeit – Soziale Sicherheit“ aus dem Sozialwort.

Die Kirchenzeitung und das Sozialreferat der Diözese Linz laden dazu ein. Eintritt frei!
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