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Ein drohender Finger

Mauthausen – ein Ort unter dem Schatten des KZs mit der Todesstiege
Ausgabe: 2005/18, Mauthausen, Thomas Pree, KZ, Konzentrationslager,
04.05.2005
- Hans Baumgartner
Am 5. Mai 1945 befreiten US-Truppen das Konzentrationslager Mauthausen. Der Ort selber aber fühlt sich immer noch in der Kralle dieses Ungeheuers an Unmenschlichkeit gefangen.

„Mauthausen ist ein schöner, liebenswerter Markt an der Donau. Und die Menschen wollen hier genauso leben wie anderswo in Österreich. Aber über dem Ort steht das Konzentrationslager wie ein bedrohlicher Zeigefinger“, meint Pastoralassistent Thomas Pree. „Wenn der Bundespräsident einem ewig Gestrigen rät, er brauche nur nach Mauthausen zu gehen, wenn er Zweifel an den Gaskammern und Vernichtungslagern der Nazis hätte, dann stört das viele Leute im Ort.“ Und es gehe ihnen auf die Nerven, wenn sie immer wieder hören „Nie wieder Mauthausen“.
Vielleicht sei es auch deshalb so schwierig, mit den Menschen in Mauthausen über die Geschehnisse während der Zeit des Nationalsozialismus ins Gespräch zu kommen, weil sich der Ort in Geiselhaft genommen fühle, meint Pree. „Wer Mauthausen sagt, meint meist nicht den Ort, sondern das Konzentrationslager und die furchtbaren Gräueltaten, die dort geschehen sind.“ In der Öffentlichkeit sei Mauthausen ein anderer Name für Unmenschlichkeit. Das sei für die Menschen im Ort eine Zumutung, fordert Pree eine sorgfältigere Unterscheidung in der Sprache. Auch wenn er diese Meinung nicht teile, könne er verstehen, dass viele Mauthausener einen Deckel auf dieses Kapitel der Geschichte legen wollen.

Ein Großteil der Leute versuche, es irgendwie zu ignorieren, dass es im Gemeindegebiet dieses riesige KZ gegeben hat. Und sie nehmen auch von dem, was in der Gedenkstätte geschieht, wenig Notiz, meint Pree. Es gebe schon einige, die über ihre bedrückenden und schockierenden Erlebnisse von damals reden. Auch in der Schule werde darüber gesprochen. Aber in den meisten Familien sei das bis heute ein Tabuthema. Auf der einen Seite gebe es dieses Schweigen, auf der anderen Seite aber sei das Thema unter der Oberfläche doch sehr präsent. Man merke das, so Pree, wenn es bei manchen Veranstaltungen oder Gesprächen auf Nachfragen zu sehr emotionalen Ausbrüchen kommt: „Ihr habt ja keine Ahnung, was damals los war und wie rasch man selbst im KZ hätte landen können“, sei eine oft mit großer Bitterkeit geäußerte Antwort.

Die Pfarre versuche, mit verschiedenen Initiativen Gräben aus der Vergangenheit zu überwinden und Brücken in die Zukunft zu schlagen, meint Thomas Pree. Schon ein Fixpunkt im Jahr ist die Gedenkfeier für den seligen Marcel Callo, der als französischer Zwangsarbeiter am Karfreitag 1945 in Mauthausen umgekommen ist. Der Zustrom zu diesem Gedenken, so Pree, halte sich allerdings Grenzen, ebenso wie die Teilnahme der Bevölkerung an den offiziellen Befreiungsfeiern im Mai, zu denen auch die Pfarre immer einlade.
Bei der Neugestaltung des Kirchenraumes vor drei Jahren wurde als 15. Kreuzwegstation eine symbolische Treppe aus Mauthausner Granitplatten in die Wand eingelassen. Die „Lichtstiege“ erinnere sowohl an die Opfer (Todesstiege) als auch an die Auferstehung, meint Pree. Im heurigen Bedenkjahr setzen Jugendliche der Pfarre zwei bemerkenswerte Zeichen: Eine Firmgruppe hat zum Thema Verfolgung und KZ einen Kreuzweg gestaltet. Die Tafeln wurden zu einem großen Kreuz zusammengebaut, das am Karfreitag im Mittelpunkt der Liturgie stand. Eine Jugendgruppe hat unter dem Motto „Nicht zu übersehen“ im ganzen Ort Kartonwürfel aufgestellt, die mit Bildern und Zitaten an die Geschehnisse in der NS-Zeit erinnerten.

Auf Initiative der Pfarre hat sich 2004 eine überparteiliche Gruppe gebildet, die sich mit der Thematik Mauthausen heute und das geschichtliche „Erbe“ (KZ und Gedenkstätte) auseinander setzt. „Weil diese Thematik einen längeren Atem braucht, haben wir heuer die ,Perspektive Mauthausen‘ gegründet. Wir wollen damit erreichen, dass die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen und deren Wurzeln nicht nur in der Gedenkstätte, sondern auch im Ort stärker wahrgenommen wird. Dazu streben wir eine engere Kooperation mit dem Mauthausen-Komitee und mit der Gedenkstätte (Innenministerium) an. Und wir wollen mit verschiedenen Veranstaltungen auch positive Akzente für die Zukunft setzen. Dabei soll es um Themen wie Menschenrechte und Menschenwürde ebenso gehen wie um das Selbstverständnis und Bild eines Ortes, der bis heute im Schatten des Konzentrationslagers steht.“

Stichwort


Am 8. August 1938 begannen Häftlinge aus dem KZ Dachau mit dem Aufbau des Konzentrationslagers Mauthausen. In den folgenden Jahren wurde daraus eines der gefürchtetsten Lager. Die Deportation nach Mauthausen bedeutete für viele Häftlinge das Todesurteil. So wurde u. a. die tschechische und polnische Intelligenz in Mauthausen vernichtet. Im Herbst 1941 wurde die Gaskammer errichtet. Ab 1942 wurden immer mehr Häftlinge in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Dafür wurden 49 Nebenlager errichtet. Insgesamt waren über 200.000 Häftlinge im KZ-Komplex Mauthausen: politisch Verfolgte, Zwangsarbeiter aus besetzten Gebieten, Kriegsgefangene, Juden und Roma.

Weitere Informationen: www.mkoe.at
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