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Die verkaufte Zukunft

Die geltenden Regeln der Finanzwelt treiben die Welt an den Rand des Ruins
Ausgabe: 2005/43, Hedegefond, Lacina, Umweltkatatrophe, Geld, Politik, Büchele
27.10.2005
- Matthäus Fellinger
Hedegefonds. Einsteigen im „Drawdown“. Für viele bleibt die Sprache der Finanzwelt eine Fremdsprache. Geld regiert die Welt, sagt man. Aber wer regiert das Geld? Eine Veranstaltungsreihe im Bildungshaus St. Franziskus in Ried geht dieser Frage nach. Ex-Finanzminister Ferdinand Lacina und der Theologe Herwig Büchele machten den Anfang.

Eine Umweltkatastrophe ungeahnten Ausmaßes – das ist der Preis des Wirtschaftswachstums in China. Verbunden ist dieses Wachstum mit einer in Europa nicht vorstellbaren Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft.
Wie die moderne Weltwirtschaft auf der Schattenseite der Welt aussieht, zeigte der Innsbrucker Theologe DDr. Herwig Büchele im Bildungshaus St. Franziskus auf. „Wir sind zum Wachsen verdammt“, fasst er die Grundregeln des herrschenden Kapitalismus zusammen. Ohne Wachstum bräche das Weltwirtschaftssystem zusammen. Das Wachstum selbst bringt jedoch die Welt an den Rand des Ruins. Alles dreht sich um Kauf und Verkauf. Aber – in der Hoffnung auf künftige Mehrerträge wird, so sieht es Büchele, heute schon die Zukunft verkauft.

Machtfragen. Nur jene, die in der Finanzwelt und in der Wirtschaft ganz oben stehen, haben auch die Macht, eine Trendwende durchzusetzen, ist Büchele überzeugt. Er schlägt daher die Gründung eines Rates der transnationalen Akteure vor. Die Weltwirtschaft sollte sozusagen von sich aus Verhaltensregeln für den Wirtschaftswettbewerb und eine „Zähmungsstrategie“ für den weltweiten Kapitalismus entwickeln. Nur wirklich Mächtige könnten das zu Stande bringen.

Geld und Politik. Dass ein solcher Rat funktionieren würde, hält Österreichs Ex-Finanzminister Ferdinand Lacina für unwahrscheinlich. Auch dort ginge es bald nur um Machtinteressen, fürchtet er. Sein Anliegen: Die Finanzmärkte müssen wieder enger mit der tatsächlichen Wirtschaft zusammengeführt werden. Europas Finanz- und Arbeitsminister müssten verstärkt am selben Tisch sitzen. Nicht nur die Stabilität des Geldwertes dürfe erstes Ziel sein, sondern die gesellschaftliche Stabilität. Gerade Länder, die sich hohe soziale Standards leisten wie die skandinavischen Länder, würden sich auch am Weltmarkt behaupten, meint er. Lacina redet so einem stärkeren staatlichen Eingreifen das Wort. „Ich bin optimistisch genug zu glauben, dass die Lernfähigkeit schon eingesetzt hat“, meint Lacina.

- Die nächste Veranstaltung zur Reihe „Geld regiert die Welt“: Freitag, 18. November, 19.30 Uhr in Ried, Bildungshaus St. Franziskus – mit Dr. Markus Schlagnitweit über ethische Geldanlagen.




Droht der Kollaps?

Interview

Herr Dkfm. Ferdinand Lacina, ist es möglich, dass das Geldsystem weltweit zusammenbricht?
Ferdinand Lacina: Ein Kollaps ist nicht auszuschließen. Es ist eine starke Verunsicherung der Menschen festzustellen. Unsere Gesellschaft geht in eine Richtung, in der dem Sicherheitsbedürfnis der Menschen zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Reichen die Kontrollmechanismen aus, um vorzubeugen?Lacina: Die Risiken der Finanzmärkte haben wir noch nicht in ihrer ganzen Tragweite erfasst. Sie sind tiefer, als viele Akteure es sehen, weil diese persönlich von den negativen Auswirkungen nicht betroffen sind – etwa von den Produktionsbedingungen in China. Für die politische Klasse trifft das zu, aber auch für Gewerkschaften und Betriebsräte.

Wie sehen Sie die Situation speziell in Österreich? Lacina: Zunehmend mehr Menschen stehen in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Es ist z. B. schön, wenn eine Frau zu Hause bei den Kindern bleiben kann. Die längerfristigen Auswirkungen werfen aber oft große Probleme auf. So lange Menschen voll aktiv und gut qualifiziert sind, geht es gut. Ist das nicht mehr der Fall, kommen die Probleme. Wir müssen sehen, dass die Zunahme der „neuen Selbstständigen“ mit einem Abbau von Sicherheiten verbunden ist, die die Gesellschaft entstabilisieren kann.
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