Am vergangenen Sonntag ging die 12. Weltbischofssynode zu Ende. In ihrem Mittelpunkt stand das „Wort Gottes“. Wir sprachen mit dem Innsbrucker Bibelwissenschaftler Martin Hasitschka über Anliegen der Synode und der Bibelpastoral.
Drei Wochen haben die Bischöfe in Rom beraten. Welche Ergebnisse für die Gläubigen können Sie erkennen? Hasitschka: Die Synode ging sehr stark von den Erfahrungen aus, die man seit dem II. Vatikanischen Konzil mit dem „Tisch des Wortes“ – ein Ausdruck für den Wortgottesdienst der Messe – gemacht hat. Man musste erkennen: Die Heilige Schrift, erst recht das Alte Testament, ist zu wenig bekannt. Die Bibel ist aber mehr als ein Geschichtswerk. In ihr nimmt Gott selbst mit den Gläubigen den Dialog auf, sein Wort wird in Jesus Christus Mensch, der als auferstandener Herr gegenwärtig bleibt und in unserem Leben wirksam werden will. Damit wir Christus besser kennenlernen und Orientierung auf unserem Lebensweg finden, will uns die Synode zu persönlichem und gemeinschaftlichem Umgang mit der Bibel motivieren.
Auf der Synode wurde die mangelhafte Predigtkultur bei den Sonntagsgottesdiensten kritisiert. Viele Gläubige kommen oft nur in der Messe mit dem Wort Gottes in Berührung. Hasitschka: Die Lesungen und das Evangelium des Sonntags bergen große Chancen. Deshalb ist eine bibelorientierte und aktualisierte Predigt wichtig. Ob sie gelingt oder nicht, hängt davon ab, wie viel Zeit ich mir für die Vorbereitung nehme. Die Faustregel, jede Minute Predigt benötigt eine Stunde Vorbereitung, ist eine hohe Anforderung. Da kommen wir Priester an unsere Grenzen. Dennoch gilt es, das Anliegen der Synode umzusetzen. Ich hoffe, es kommen konkrete Hilfestellungen.
Aber wäre es nicht wünschenswert, wenn die Gottesdienstbesucher die jeweilige Bibeltexte schon vorher kennen würden? Hasitschka: Mein großes Anliegen ist eine persönliche oder gemeinschaftliche Vorbereitung in Familien und Bibelrunden. Die geistliche Lesung, bei der man auch im Gebet und in der Meditation verweilt, hat eine lange Tradition. Sie in den Gemeinden zu fördern, sehe ich als eine wichtige pastorale Aufgabe.
Gibt es da nicht das Problem, dass nicht wenige Menschen Scheu oder gar Angst haben, dass sie die alten Texte nicht verstehen (können)? Hasitschka: Deshalb ist es wichtig, dass Fachleute ihre Aufgabe ernst nehmen, den Menschen Zugänge zur Heiligen Schrift zu eröffnen. Die Einheitsübersetzung gibt z. B. vor jedem Paulusbrief eine historische Einordnung. Auch gute und knappe Bibelkommentare sind mittlerweile erhältlich. Wichtig ist es, die Gemeinden durch entsprechende Angebote an die Bibel heranzuführen – z. B. mit einer Einführung in die alttestamentlichen Lesungen oder wenn ein neues Lesejahr beginnt. (Anmerkung: Im Dreijahresabstand wird an den Sonntagen jeweils aus dem Matthäus-, Markus- und Lukasevangelium vorgelesen). In der Praxis sehe ich das Miteinander von Priestern, Pastoralassistent/innen und Laien für die Bibelarbeit als unerlässlich, vor allem in den Seelsorgeräumen.
Wie sehen Sie die auch auf der Synode kritisch angesprochen Strömungen, die Bibel im fundamentalistischen Sinn, also weitgehend wortwörtlich zu interpretieren? Hasitschka: Diese Lektüre wäre einfacher, aber arg verkürzt! Wir haben es mit historischen Dokumenten zu tun, die man nicht eins zu eins in die heutige Zeit übertragen kann. Die Bischofssynode hat gezeigt, dass die „lectio divina“, die geistliche Schriftlesung, zum richtigen kirchlichen Lesen führt. Dazu gehört auch ein richtiges Textverständnis. Schon im frühen Christentum gab es dabei Schwierigkeiten. Im 2. Petrusbrief steht, dass der Apostel Paulus nicht leicht zu verstehen ist.
Welche Rolle spielen die Massenmedien in der Verkündigung? Hasitschka: Zu gewissen Zeiten im Kirchenjahr (z. B. Advent) sind Menschen für biblische Botschaften sehr empfänglich. E-Mails oder SMS mit Bibelzitaten finden guten Anklang. Freilich kann das nicht die Gemeinde bzw. das Feiern in der Gemeinschaft ersetzen.
- Die Abschlusserklärung der Bischofssynode im Wortlaut:
Stichwort
Lectio divina. Lateinisch für „göttliches Lesen“. So wird die Schriftlesung bezeichnet, die in mehreren Schritten abläuft. Am Beginn steht eine kurze Zeit der Stille, des Innehaltens. Anschließend wird ein Abschnitt der Heiligen Schrift langsam und aufmerksam gelesen. Es folgt das Gebet als Antwort an Gott für die Gabe seines Wortes. Danach geht es um das Nachsinnen über die Punkte des Textes, die wichtig oder bedenkenswert erscheinen. In der nächsten Stufe, der Kontemplation, verweilen die Lesenden mit den sie ansprechenden Punkten vor Gott. In der letzten Stufe geht es um die „Umsetzung“ ins Leben.