Warum Religion keine Privatsache undKirche eine öffentliche Angelegenheit ist – Das Verhältnis von Religion, Kirche, Staat und Gesellschaft hatte der 29. Ökumenische Thelogische Tag in Linz zum Thema.
Pastor Markus Fellinger, Vorsitzender des Forums der christlichen Kirchen in Oberösterreich verglich die Kirche mit einer reifen Persönlichkeit: „Eine reife Person ist weder schüchtern noch aufdringlich. Das sollte auch für unsere Kirchen gelten.“ Der Reifung eines Menschen diene nichts besser als der Dialog. Auch das trifft hundertprozentig auf die Kirchen zu, so der Methodisten-Pastor.
Die Diskussion suchen. Das Christentum ist keine esoterische Geheimlehre, sondern vollzieht sich im öffentlichen Raum, erklärte der Superintendent der evangelischen Kirche AB Oberösterreich, Gerold Lehner. Als über die junge Kirche der ersten Jahrhunderte Verfolgungen hereinbrachen, sind die Christen nicht abgetaucht, sondern verfassten Verteidigungsschriften und haben die öffentliche Auseinandersetzung gesucht. Das Verhältnis von Religion und Staat ist aber nie einfach und häufig mit Konflikten belastet. Die richtige Nähe und Distanz müsse immer wieder neu austariert werden. Das war in der Geschichte nie anders, ist gegenwärtig so und wird immer eine Aufgabe bleiben, so der Superintendent. Weder Abendland noch Christenhand. Für den evangelisch-lutherischen Bischof Michael Bünker steht ebenfalls außer Frage, dass die Kirchen verpflichtet sind, öffentlich aufzutreten. Die Kirche erhebt dabei aber keinen Herrschaftsanspruch, weder auf einzelne Menschen noch auf das Abendland, wie es zur Zeit auf Plakaten zur EU-Wahl zu lesen ist: „Abendland in Christenhand.“ Konkret leistet die Kirche ihren Beitrag für die Öffentlichkeit, indem sie ihre Bildungsverantwortung wahrnimmt. Bildung ist ein Schlüsselthema für die Demokratie und zudem ein Mittel für die Integration und gegen die Armut, so Bünker.
Religionsunterricht. Den Bereich der Bildung betreffe auch das bewährte Modell des konfessionellen Religionsunterrichts im öffentlichen Schulwesen. Bischof Bünker: Der Religionsunterricht ist am besten geeignet, mit unterschiedlichen Wahrheitsansprüchen leben zu lernen.
Beten und Handeln. Ebenso gehört zum Öffentlichkeitsauftrag der Kirchen die Präsenz in den Medien, betont Bünker: Selbstverständlich wäre Jesus in eine Talk-Show gegangen. Und Paulus und Luther waren Kommunikationsgenies. Den Protestantismus gäbe es ohne Buchdruck und Plakate gar nicht, machte der Bischof deutlich. Ein Blick in die Bibel zeige überdies, dass von gläubigen Menschen das Gebet für das Gemeinwohl und der praktische Einsatz gefordert sind.
Zur Sache
Hilfreich und zweckfrei zugleich
„Warum die Öffentlichkeit Kirche braucht?” erläuterte beim Ökumenischen Theologischen Tag der Fundamentaltheologe Hanjo Sauer. Er verwies dabei auf die Grundfunktionen von Religion. So stiften Religionen Gemeinschaft. Ohne diese Impulse würde eine Gesellschaft zerfallen. Besonders bei Katastrophen zeige sich, dass Staat und Gesellschaft auf den Kult der Religionen zurückgreifen, weil diese Zeichen, Symbole und Worte haben, das Unfassbare zur Sprache zu bringen.
Ausschau nach Leuchttürmen. Weiters entwickeln Religionen ein Weltbild: Sie machen Aussagen, die welt- und lebenserklärenden Charakter haben und die der Orientierung dienen. Schließlich geben Religionen sittliche Orientierung und benennen „gut und böse“. Auch diese ethische Dimension von Religion wird wieder zunehmend gesucht, weil der weltanschaulich neutrale Staat sittlicher Resourcen bedarf, die das Gemeinwohl stützen.
Nicht verzwecken. Gleichzeitig macht aber Sauer aufmerksam, dass man Religion bei aller Bedeutung für die Gesellschaft nicht verzwecken dürfe. Die Bedeutung von Religion für die Gesellschaft liege auch darin, dass sie an das „unverzweckbare Dasein“ erinnert.