Ausgabe: 2009/31, Gerstl, Kinder, Eltern, Freizeit, Kinderpsychiater, Diakonie, Entwicklung
31.07.2009
- Ernst Gansinger
Haben Sie Geduld mit Kindern. Ermöglichen Sie Ihnen eine sinnvolle Freizeitgestaltung. Kinder brauchen Lob. Ihnen immer vorzuwerfen, was sie schlecht machen, bringt keinen Erfolg.Nehmen Sie sich Zeit, mit den Kindern gemeinsam zu experimentieren. – Das rät der bekannte Kinderpsychiater Primar Dr. Werner Gerstl.
Der Präsident der Diakonie Österreich, Dr. Roland Siegrist, würdigte Sie bei der Feier anlässlich Ihrer Pensionierung unter anderem als Heiler von Kindern und Jugendlichen und Mutmacher verzweifelter und ratloser Eltern. Wovon kann die Psychiatrie heilen und wie machen Sie Eltern Mut? In der Spattstraße (siehe Kasten) steht nicht die medizinische Diagnose im Vordergrund, Psychologen, Ärzte, Lehrer und Sozialarbeiter arbeiten im Team zusammen. Wir haben sehr gute Erfolge durch diese ganzheitliche Betrachtung, vor allem, wenn es sich um Verformungen handelt, die von außen erwirkt werden und den Kindern eine negative Existenz-Erkenntnis vermitteln.
Was sind solch negative Existenz-Erkenntnisse, wie können sie überwunden werden? Etwa der Verlust von Bedeutung, von Geborgenheit und Sicherheit, auch Misserfolge in der sozialen Rangordnung und letztlich als Symptomatik auch ein besonderes Bekämpfen dieses Zustandes. Symptome sind Wut, Widerstand, Aggression, denn die Kinder können, was sie belastet, nicht in Worte fassen. Da ist es wichtig, nicht allein die Symptome zu bekämpfen, sondern den Prozess zu verändern, in dem die Kinder sind. Das Kind muss wieder mehr Stärke und Selbstvertrauen gewinnen. Dafür braucht es besondere Schulformen, Erlebnispädagogik etwa, und langen Atem. Das Kind muss spüren, wieder geliebt zu sein, auch wenn es dagegen am Beginn ankämpfen wird.
Ihre Erfahrung ist, dass viel mehr Knaben von solchen Entwicklungsstörungenbetroffen sind. Warum ist das so? Sie wehren sich früher gegen Bedrohung. Sie haben aber auch ein anderes Stress-System wie Mädchen. Auch in der Gruppe der hyperaktiven Kinder sind die Buben zahlenmäßig viel stärker vertreten. Vielleicht hängt es ein bisschen vom Fehlen eines Vaters im Familiensystem ab. Die negativen Beispiele in Filmen und Computerspielen – Kampfspiele – wirken sich zwar nicht grundsätzlich schlecht aus, aber für diese Kinder sind sie fatal. Die Lösungsmuster sprechen ihre inneren Aggressionshaltungen an.
Sie haben einmal gemeint, erschöpfte Eltern kommen mit den Herausforderungen der Erziehung nicht mehr zurande. Ja, die Erschöpfung und die daraus wachsende Ungeduld mit Kindern hängt sehr mit der Unsicherheit der Eltern zusammen. Armut und Perspektivenlosigkeit machen unsicher.
Sie sagen, es fehlt an Geduld mit den Kindern. Können Sie das ein bisschen näher ausführen? Eltern und Erwachsene, die mit Kindern zu tun haben, halten es zu wenig aus, dass die Kinder ihre Experimente durchführen, dass sie also tun, was sie tun müssen. So kann ein Kleinkind einmal böse sein, ohne dass es gleich etwas hat.
Ein Hintergrund für unangepasstes Verhalten sind schwierige Scheidungen, ist eine ihrer Erfahrungen. Der Leidensdruck der Kinder wächst. Wenn man eine Trennung vernünftig löst, ist das für die Kinder zu bewältigen. Aber wenn die Eltern dauernd streiten, das Kind dann auch noch zum Kurier im Konflikt wird und schließlich der getrennt lebende Partner kein Interesse mehr am Kind zeigt, leidet das Kind enorm. In der Gruppe der Kinder, die wegen psychosozialer Schwierigkeiten behandelt werden, haben fast zwei Drittel der Betroffenen einen solchen Hintergrund. Ihr Rückzugsgebiet für alle Schmerzen und Sorgen ist verloren gegangen.
Was empfehlen Sie Eltern? Haben Sie Geduld mit den Kindern! Ein Kind hat einen langen Entwicklungsweg. Ordnen Sie Kindern nicht vor anderen Menschen Attribute zu – „er ist ein schlimmes Kind!“ Das bezeichnet das ganze Kind und nicht sein Verhalten. Ein typisches Beispiel ist ein Bub, der bei uns im Kinderkrankenhaus war. Ich traf ihm am Gang und sprach ihn an: Bist du ein netter Bub. Woher kommst Du? Der Bub aber zeigte mir die Zunge und sagte: Ich komme aus dem Bösland. Er sagte es, weil er das von seinen Bezugspersonen oft hörte. Kinder stellen ihre Bühne auf und spielen dort ihr aktuelles Weltbild. Die Menschen ihrer Umgebung wollen sie ins Spiel miteinbeziehen. Sie freuen sich, wenn sie Erwachsene zornig machen können. Ich sehe eine meiner Aufgaben darin, den Eltern wieder Mut zu machen und Optimismus zu entfachen. Das braucht viel Unterstützung, Wissen und Ausdauer.
Zum Thema
Kinder als Kienten
Jährlich werden etwa 1000 Kinder und Jugendliche (5 bis 18 Jahre) in der Kinderklinik Linz stationär behandelt und 3000 ambulant. Ein Drittel sind dem Diagnosebereich der psychosozialen Schwächen zuzuordnen. Ein Drittel hat psychosomatische Krankheitsbilder (Ess-Störungen gehören dazu) und ein Drittel hat organische Schäden.
Spattstraße
Das Diakonie-Zentrum Spattstraße ist Mitglied der Diakonie Österreich. Eigentümer ist die Evangelisch-methodistische Kirche.Das Zentrum ist eine wichtige Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche und deren Familien – speziell in Not- und Krisensituationen.Die Spattstraße führt unter anderem ein Sonderkrankenhaus mit heilpädagogischen Kindergruppen/ Ambulanz und eine Tagesklinik und hat mit Waki einen Zufluchtsort für Jugendliche in Krisensituationen.