Ausgabe: 2009/32, Ernst Gansinger, Buchstaben, Jürgen Fliege, Pastor, Deutschland, Barmherzigkeit, Leitartikel, Frieden, Sonntag
05.08.2009
„Die kleben an Buchstaben, statt sich für das Leben selbst zu interessieren!“ – So hart fällt das Urteil des deutschen evangelischen „TV-Pfarrers“ Jürgen Fliege aus. Mit „die“ meint Fliege die Kirchen Deutschlands. Und Fliege setzt nach: Das Fernsehen ist ein Religions–ersatz, weil es vor großen Gefühlen wie Liebe, Trauer und Schmerz keine Scheu habe.
In diese Buchstaben-Klauberei sind auch wir in unserer Kirche in Österreich vielfach schon geraten: „Das Gesetz verlangt“ ist eine häufig zu hörende Empörung von Menschen, die den „wahren Glauben“ verteidigen. Selten hört man dagegen: „Das Leben verlangt!“ – Das Leben würde verlangen, nach innen zu leben, was man nach außen sagt. Wer von Barmherzigkeit redet, ist nicht glaubwürdig, wenn er gegen andere unbarmherzig ist. Wenn wir am Sonntag einander Frieden wünschen, dürfen wir unter der Woche den Friedensgruß, den Frieden nicht verweigern.
Wenn sich Menschen von der Kirche abwenden, hat es auch damit zu tun, dass sie diese Innen-Außen-Kluft nicht mehr dulden. Sie suchen anderswo nach Halt, wo die Sprache klar ist und sich die Sprache nicht verrenkt.