Der Präsident der Bundeswirtschaftskammer, Dr. Christoph Leitl, hat die neue päpstliche Sozial-Enzyklia als „zukunftsweisend“ gewürdigt. Im Gespräch mit der Kirchenzeitung mahnt er die Politik, für das globale Wirtschaften, klare Regeln auszuarbeiten.
Die Welt und ihre Art, Wirtschaft zu treiben, ist gründlich durcheinander gebeutelt worden. Was ist die Ursache für die Krise? Wir stehen nicht nur vor den Trümmern einer Finanzarchitektur, sondern auch vor den Konsequenzen, die sich aus dem Verlust von Werten ergeben, Wir haben die Erkenntnis, dass Gier nicht glücklich macht, dass der Ellbogen nicht über die Solidarität triumphieren wird. Wir müssen uns auf eine geistige Neuorientierung besinnen.
Sie haben die päpstliche Enzyklika als zukunftsweisend bezeichnet, vor allem die Forderung des Papstes nach einer Weltautorität gewürdigt. Zu sagen, es waren einzelne, gierige Manager in der Wallstreet und in London greift zu kurz. Die Frage ist: Wer ist verantwortlich, dass sie so tun konnten und heute schon wieder ansatzweise damit fortfahren? Wo gibt es ein international koordinierendes Kontroll-Reglement? Die Unfähigkeit der Politik, international Vereinbarungen zu erzielen, ist letztverantwortlich. Insofern hat der Papst sehr Recht, der das in seiner neuen Enzyklika aufzeigt. Ich würde nur nicht davon sprechen, dass eine Weltautorität notwendig ist, sondern eine verbindliche Verpflichtung der G 20-Staaten sein (die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer), erweitert um ein paar Staaten, damit auch arme Länder, etwa aus Afrika, in die Konstruktion eingebunden sind. Für so ein weltweites Commitment genügten ein paar einfache Regeln. Um zwei zu nennen: Das Verbot von Nahrunsgmittelspekulation und das Verbot von Leerverkäufen.
Das erfordert Führungsstärke. Barack Obama beschwert sich, dass die Wallstreet schon wieder so weiter macht wie früher. Dann frag ich: Wo sind die politischen Regeln?
Sie sehen in der Enzyklika auch eine Ermutigung zum Unternehmerischen. Der zweite wirklich gute Aspekt in der päpstlichen Enzyklika ist deren Würdigung der unternehmerischen Initiative und dass sie die Wichtigkeit von Innovation herausarbeitet. Wir dürfen in schwierigeren Zeiten nicht die Flügel hängen lassen, sondern müssen nachdenken: Was kann jede und jeder tun? Welche Chancen gibt es? Die Autoindustrie hat jahrelang Innovation verschlafen, ein Drei-Liter-Auto wäre schon längst möglich. Wir müssen uns alle mehr an den Chancen orientieren als an den Risiken.
Wer könnte eine Wert-Autorität sein? Die großen Institutionen verlieren doch an Glaubwürdigkei, auch fehlen Leitfiguren. Sie haben schon Recht. Auch mir fehlen die Leuchttürme. Aber die Kirche könnte so eine Autorität sein, wenn nicht die vielen guten Aktivitäten an der Basis überlagert werden von einem Bild, das dieser Basis nicht entspricht. Wenn ich von Führungsstärke spreche, meine ich das auch in Richtung geistige Führungsstärke. Wiederbesinnen heißt, auch in sich hineinzuhorchen: Was gibt Sinn. Wirtschaftstreibende finden beruflich Erfüllung und Sinn, weil sie Dienst an Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern leisten. Selbstständige Menschen, die sich auf diese Weise selbst verwirklichen, sind zufriedenere Menschen. Auch wenn sie mehr arbeiten, sind sie weniger oft krank und leben durchschnittlich drei Jahre länger.
Nachdem bekannt geworden ist, dass der Bundesfinanzierungsagentur durch hochspekulative Veranlagungen Verluste von mehr als 600 Millionen Euro drohen, wurde den verantwortlichen Finanzministern vorgeworfen, sie hätten Steuergeld verzockt. Man soll einmal definieren, was man unter Verzocken versteht – wenn ich ins Spielcasino gehe und verliere, habe ich verzockt. Wenn ich mir aber um 30 Euro VOEST-Aktien gekauft habe und heute sind sie 18 Euro wert, habe ich noch lange nicht verzockt, sondern in vernünftige Anlagen investiert. Etwas Zweites ist, wenn es um internationale Veranlagung geht. Ich kann doch niemandem nachträglich einen Vorwurf machen, der er sich auf Ratingagenturen verlassen hat – das sind ja die Halbgötter unserer Zeit – die die betreffende Veranlagung bestens bewertet haben.
Die Diskussion um die Abschaffung verschiedener Feiertage reißt nicht ab. Wie denken Sie darüber? Wir brauchen einen Lebensrhythmus und Entschleunigung. Daher habe ich immer auch die „Allianz für den freien Sonntag“ unterstützt. Leben braucht Fixpunkte. Der Sonntag ist Bestandteil dieses Rhythmus. Und das gilt auch für die Donnerstag-Feiertage. Sie sind Entschleunigungs-Punkte durch das Jahr hindurch. Auf sie sollten wir gerade heute nicht verzichten.