All ihr Wissen, das sie im Laufe der Jahre über den Vatikan ansammelte, hat die Radio-Vatikan-Journalistin Gudrun Sailer in einen Vatikan-Reiseführer verpackt. Darin findet sich auch so manch Kurioses.
In Ihrem Reiseführer geben Sie u. a. Tipps und Extras. Welche Extras sind denn das? Sailer: Das sind kuriose Geschichten. So denken viele, im Vatikan wohnen nur Kardinäle. Das stimmt nicht. Es gibt auch ein paar Tiere. In den Vatikanischen Gärten z. B. hat sich vor etwa 15 Jahren ein Papageienpaar angesiedelt, so genannte Mönchssittiche. Die haben hier exzellente Lebensbedingungen vorgefunden, sind geblieben und haben sich vermehrt. Wenn man einen Ausflug in die Vatikanischen Gärten macht, kann man sie nicht überhören. Außerdem gebe ich praktische Tipps, etwa für jene, die im Petersdom heiraten oder ein Kind taufen lassen möchten; oder wie sie es schaffen, den Papst zu sehen; oder wie sie zu einer „prima-fila“-Karte kommen, mit der sie bei der Generalaudienz in der ersten Reihe sitzen können.
Sie schreiben auch über einen speziellen Stein. Sailer: Ja. Wenn Sie z. B. auf dem Petersplatz stehen, dann sehen Sie, dass praktisch alles dort, auch die Fassade des Petersdomes, aus einem bestimmten grobporigen Kalkstein besteht, der charakteristisch ist für Rom. Das ist der Travertin. Mit dem Stein haben schon die alten Römer gebaut; das Kolosseum und der Trevi-Brunnen sind aus Travertin und auch heute wird der Stein beim Bau verwendet.
Gibt es einen Platz im Vatikan, den Sie besonders mögen? Sailer: Ich gehe gerne in den Vatikanischen Gärten spazieren. Die sind nicht öffentlich zugänglich. Besucher müssen sich anmelden, aber Vatikan-Angestellte wie ich dürfen sich dort auch so aufhalten. Allerdings nur bis 14 Uhr, denn dann kommt der Papst. Da gibt es strenge Sicherheitsvorkehrungen. Die Fenster der Gebäude müssen geschlossen werden und man darf sich nicht blicken lassen. Doch vor 14 Uhr besuche ich auch gerne das Nonnenkloster Mater Ecclesiae. Normalerweise darf man dort nicht rein. Aber ich habe einmal die Mutter Äbtissin interviewt und einen Tag mit den Nonnen gelebt, gebetet, gearbeitet. Seither gehe ich da ab und zu hin. Dieses Nonnenkloster ist erst Mitte der 90er Jahre auf Wunsch von Papst Johannes Paul II. entstanden. Alle fünf Jahre zieht ein anderer Orden ins Kloster ein. Momentan sind dort die kontemplativen Benediktinerinnen.
Was macht der Vatikan für Sie aus? Sailer: Der Vatikan ist zum Teil ja ein ganz normaler Staat mit fast allem, was ein Staat so hat: einer Staatsverwaltung, Feuerwehr, einem Meldeamt, Verkehrspolizisten, einem Geschäftsviertel mit Supermarkt, einer Post, sogar einem Kino. Aber es ist kein Staat, wo man hineingeboren wird, zur Schule geht und sich eine Weltanschauung herausbildet, zur Wahl geht. Es ist ein Staat, wo die Leute, die hier sind, was ganz Besonderes verbindet, und das ist der Glaube an Jesus Christus.
Im Blick
Arbeiten im Vatikan
Ihre erste Reise nach Rom und in den Vatikan hat die gebürtige St. Pöltnerin Gudrun Sailer mit 13 Jahren unternommen. Damals war sie Schülerin der Englischen Fräulein, einem katholischen Privatgymnasium in der niederösterreichischen Landeshauptstadt. Überwältigt von der Schönheit Roms ist sie seither fast jährlich in die Ewige Stadt gereist; der Gedanke, dort einmal zu arbeiten, ließ sie nicht mehr los. Nach ihrem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften und Romanistik in Wien, Innsbruck, Klagenfurt und Sevilla arbeitete Gudrun Sailer als Radio-Journalistin zunächst in Linz und Berlin. Seit sechseinhalb Jahren ist die 39-Jährige bei Radio- Vatikan tätig.
- Buchtipp: „Vatikan. Der christliche Reiseführer“ von Gudrun Sailer. St.-Benno-Verlag, 2009. Euro 10,20