Seit 40 Jahren gibt es im ehemaligen Benediktinerstift Ossiach den „Carinthischen Sommer“. Mit Aufführungen zeitgenössischer Kirchenopern hat sich das Festival einen Namen in ganz Europa gemacht. Intendant Thomas Daniel Schlee fordert mehr Qualität und einen adäquaten Umgang mit Musik und Kunst in sakralen Räumen.
Sie pflegen in Ossiach das selten gewordene Genre „Kirchenoper“ und vergeben hier auch Auftragswerke. Warum? Das hat zu tun mit der Gründung des Carinthischen Sommers vor 40 Jahren: mit Prof. Helmut Wobisch, damals im Vorstand der Wiener Philharmoniker, und mit Pfarrer Jakob Stingl. Prof. Wobisch wollte ein hochkarätiges Festival in einer kulturell sehr verlassenen Gegend schaffen. Die Stiftskirche in Ossiach ist das Zentrum unseres Festivals und wirkt sich als besonderer Ort naturgemäß auf die Inhalte des Carinthischen Sommers aus. Die Kirchenoper hat dem Festival von Anfang an ein unverkennbares Gesicht verliehen. Das hilft uns heute sehr, da es eine Flut an kleinen Festivals gibt. Aber es gibt kein Festival auf der Welt, das mit solcher Konsequenz Kirchenopern ins Zentrum rückt – noch dazu bewusst mit zeitgenössischer Musik.
Braucht Musik bestimmte Räume? Anders herum gefragt: Funktioniert die Matthäus-Passion von Bach in einer Sporthalle? Natürlich kann die Matthäus-Passion in der Sporthalle funktionieren. Auch da muss man als Musiker, der sich mit geistlicher Musik befasst, in Richtung Kirche sagen: „Ihr könnt das nicht unterkriegen!“ Dieses Werk ist so stark, dass es nicht zerstörbar ist: weder durch schlechte Musik-Umgebung noch durch schlechte Interpreten. Aber die Frage lautet: Ist es angemessen? Ich habe nie verstanden, wieso man nach fast 2000 Jahren, wo das Beste gerade gut genug war, um vor den Altar gebracht zu werden, jetzt die Frage nach Qualität nicht mehr stellt. Das heißt: Man fragt sich heute nicht mehr, was ist angemessen für den sakralen Raum?
Musik hat in der Liturgie eine wichtige Funktion. Sie ist nicht schmückendes Beiwerk, sondern Verkündigung. Wie sehen Sie das? Die Kirche war fast 2000 Jahre eine entscheidende Anregerin – inhaltlich und materiell – für die Entstehung der bedeutendsten Kunstwerke, Kirche war hier sehr lebendig. Die Frage muss erlaubt sein, warum wir jetzt auf einem so erbärmlichen Niveau angelangt sind: Warum hat die Kirche über Jahrhunderte den besten Künstlern der jeweiligen Zeit zugetraut, dass sie mächtige Helfer in der Verkündigung sind, und nimmt jetzt Zuflucht zu Leuten, die nicht einmal Gitarre spielen können? Wenn bei einem Jugendgottesdienst die Orgel nicht mehr erklingen darf und Bach nicht gespielt wird, dann halte ich das für bedenklich. Man wird doch den Leuten drei Minuten Bach zumuten dürfen? Was für ein Eingeständnis eines Bankrotts!
Qualitätsvolle Kirchenmusik kostet Zeit und Geld. Die Kirche vergibt kaum Auftragswerke an Komponisten. Woran krankt es? Vielen Komponisten wäre es ein Anliegen, in diesem Genre schöpferisch tätig zu sein. Wenn sie nur von der Kirche ein Zeichen bekämen, dass man das will. Die Kirche hat zum einen dafür kein Geld. Das andere ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Kirche in der modernen Welt erwartet, dass ihr alle gratis zuarbeiten. Alles soll ehrenamtlich und kostenlos sein, das drückt das Niveau unter das Mittelmaß. Da muss man als Kirche offen sagen: Es ist uns nichts mehr wert. Ich finde aber, die Kirche macht einen furchtbaren Fehler, wenn sie der Kunst unserer Zeit nicht die Türen öffnet. Denn dadurch gleitet viel in den Sekten- und Esoterikbereich ab, denn das Bedürfnis der Menschen nach religiösen Sujets ist da.
Kirchenoper in Ossiach
Heuer ist beim Festival „Carinthischer Sommer“ die moderne Kirchenoper „Passion & Auferstehung“ von Jonathan Harvey zu sehen (siehe Szenenfoto). Als Textvorlage dienen alte benediktinische Kirchendramen aus dem Mittelalter. Eine Besonderheit: das Publikum ist eingeladen mitzusingen, dafür wird vor der Aufführung geprobt.
- Am 26. u. 27. 8., 20.30 Uhr, Stiftskirche Ossiach. Werkeinführung und Probe um 19.45 Uhr im Barocksaal des Stiftes. Karten: Tel. 04243/2510 - www.carinthischersommer.at