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Diese Kälte gegenüber Afrika ist schlimm

Msgr. Obiore Ike, Direktor des Instituts für Entwicklung, Gerechtigkeit und Fieden in Enugu/Nigeria, im Interview zur Afrika-Synode in Rom
Ausgabe: 2009/40, Kälte, Afrika, Missstände, Ausbeutung, Obiora Ike, Afrika-Synode, Konfliktherde, Nigeria, Vatikan
30.09.2009
- Interview: Susanne Huber
Afrika ist ein Kontinent, der immer noch geprägt ist von Kriegen, sozialen Missständen und Ausbeutung. Um diesen Problemen entgegenzuwirken, werden die Bischöfe Afrikas bei ihrer zweiten Synode in Rom versuchen, darauf Antworten zu finden. Zentrale Themen der dreiwöchigen Afrika-Synode sind Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden. Der katholische Priester Obiora Ike ist einer der Experten, der an der Synode teilnimmt.


Werden die Bischöfe bei der Afrika-Synode auch die globale Gerechtigkeit ansprechen?
O. Ike: Ja, die Frage der Gerechtigkeit in der Welt wird eine große Rolle spielen. Durch die Globalisierung ist die Welt gespalten, die Kluft zwischen Arm und Reich wird, auch in Afrika, immer größer. Viele Menschen haben keine Chance auf Ausbildung, andere sehr wohl. Die Ressourcen der Erde sind ungerecht verteilt. Das hat zur Folge, dass in einem Teil der Welt Nahrungsmittel weggeworfen werden; und in einem anderen Teil der Welt bekommen sie die Menschen erst gar nicht zu sehen. In manchen Gebieten der Erde wird Getreide für die Energiegewinnung verbrannt, in anderen Regionen gibt es kein Brot zu essen.

Was könnte die Antwort der Bischöfe auf diese Unausgewogenheit sein?
O. Ike: Wenn wir nicht gerecht leben, dann sind wir alle davon betroffen. Die Reichen werden keine Ruhe finden und die Armen auch nicht. Wir müssen dieser Ungleichheit in der Welt begegnen, darüber diskutieren, im Dialog bleiben. Es geht darum, eine Gerechtigkeit zu entwickeln im Sinne des Lateinischen „suum cuique“, das bedeutet „jedem das Seine“ – man lebt und auch der andere soll leben. Bei der Synode wird auch Thema sein, dass Gerechtigkeit nicht nur das Teilen von Gütern ist; Gerechtigkeit ist auch ein Lebensinhalt, eine Lebensgestaltung, ein Lebensglaube. Das setzt eine innere Bekehrung voraus. Denn man kann nicht geben, was man nicht hat, man kann nicht gerecht handeln, wenn man nicht gerecht lebt.

Wegen der vielen Konfliktherde in Afrika ist ja auch das Friedensthema wichtig.
O. Ike: Unzählige Menschen leiden unter Krieg und Gewalt. Innerhalb Afrikas gibt es viele gespaltene Gesellschaften, wo Konflikte herrschen. Etliche ethnische Gruppen wollen nichts miteinander zu tun haben. So gibt es Kriege über Grenzfragen, etwa in Somalia, in der Sahara, in Liberia und in Sierra Leone. In Nigeria mangelt es oft deshalb an Frieden, weil muslimische Extremistien, die ihren Glauben missbrauchen, im Namen Gottes Menschen töten aufgrund eines fanatischen Verständnisses ihrer Religion. Aber Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Friede beginnt auch mit einem innerlichen Frieden, mit dem Versuch des Menschen, mit seiner Umwelt im Einklang zu sein. Da stellt sich dann die Frage, wie kann man Frieden haben, wenn man nichts gegessen und nichts getrunken hat, wenn man keine Ausbildung hat, wenn man kein Dach über dem Kopf hat und Flüchtling ist? Das ist ein Appell an alle Kirchen und Christen, hier Antworten zu finden. Nur wo Friede zwischen den Menschen und Gott herrscht, wird auch Friede einkehren.

Konflikte können aber nur überwunden werden, wenn die Bereitschaft zur Versöhnung vorhanden ist?
O. Ike: Ja, das ist Aufgabe und Mission der Kirche, die Menschen zu versöhnen. „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“, so die Worte Jesu im Markusevangelium. Die Dimensionen der Versöhnung sind vielfältig: Versöhnung mit den Mitmenschen, mit der Natur, mit Gott. Denn auch wenn wir meinen, für Versöhnung zu arbeiten, werden wir nie Versöhnung erlangen, wenn Gott nicht in unserer Mitte ist.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Wurzeln der Probleme Afrikas?
O. Ike: Die einfachste Antwort darauf wäre zu sagen, die Probleme Afrikas liegen im Ausland, was teilweise auch stimmt: Man hat uns versklavt, kolonialisiert, in neuester Zeit wirtschaftlich ausgebeutet und es gibt die neokolonialen und globalen Tendenzen, wo einfach die Macht des Stärkeren zählt.

Wie lautet die weniger einfache Antwort?
O. Ike: Die Probleme Afrikas liegen auch in der arabisch-islamischen Orientierung. Und zwar in dem Sinne, dass man uns hier auf dem afrikanischen Kontinent angreift, unsere Kulturen zerstört und eine islamische Kultur hereinbringt. Das ist auch ein Teil der Wahrheit. Man denke nur an den Sudan oder Nordnigeria. Die Probleme Afrikas liegen aber auch innerhalb des Kontinents selbst. Leute in Entscheidungspositionen, sei es in Politik oder Wirtschaft, sind oft korrupt. Menschen, die Verantwortung übernehmen müssten für eine nachhaltige Entwicklung in den afrikanischen Ländern, schikanieren die eigenen Leute, anstatt ihnen zu helfen. Dazu kommen die Säkularisierung in der Welt, die Technologisierung, die Industrialisierung, die Spannungen der Ost-West-Beziehungen über viele Jahre, der Kommunismus, der Kapitalismus. Aber das größte Problem ist meines Erachtens, wenn Menschen andere Menschen nicht anerkennen und achten. Wenn einer meint, er sei mehr Mensch als ein anderer; wenn jene, denen es gut geht, andere, denen es nicht gut geht, vergessen. Diese Kälte gegenüber den Problemen Afrikas ist besonders schlimm. Wir dürfen nicht vergessen: wenn ein Teil der Menschen auf Erden leidet, dann leiden alle Menschen. Daher ist es wichtig, über Lösungen für die Probleme Afrikas nachzudenken.Denken Sie, dass es konkrete Lösungsansätze von den Bischöfen in Rom geben wird?
O. Ike: Ich bin zuversichtlich und hoffnungsvoll, dass die Afrika-Synode uns weiterbringt im Kontext unserer jetzigen Probleme in der Welt, auch in Afrika, und Chancen eröffnet zur Bewältigung dieser Probleme. Wichtig ist, dass wir die Liebe und die Wahrheit in den Mittelpunkt rücken. So wie es der Papst in seiner Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ beschreibt. Denn die Liebe ist eine Sprache, die alle Menschen verstehen. Wenn wir einander in Liebe begegnen, dann eint uns das und bringt uns zusammen für eine neue Ära des Zusammenlebens, des Teilens und der Solidarität.



Zur Person

Obiora Ike wurde 1956 in Gusau/Nordnigeria geboren. In einer Gegend, wo überwiegend Muslime leben, wuchs er in einer christlichen Familie auf. Wegen des Biafra-Krieges musste Ike 1966 mit seiner Familie in den Osten des Landes flüchten. Mit 22 Jahren erlangte er in seiner Heimat den Bachelor of Arts in Philosophie. 1978 studierte er an der Universität Innsbruck Politikwissenschaft, Philosophie und Theologie. In Vorarlberg wurde Ike 1981 zum Priester geweiht. Nach einigen Jahren Aufenthalt in Deutschland, wo er an der Universität in Bonn promovierte, kehrte Ike 1986 nach Nigeria zurück und gründete das Katholische Institut für Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden. Seit 1998 ist Monsignore Ike Generalvikar der nigerianischen Diözese Enugu.

- Buchtipp: „Wende dein Gesicht der Sonne zu“ von Obiora Ike. Pattloch Verlag 2007. Euro 17,50.



Stichwort


Zweite Afrika-Synode

Im Vatikan findet vom 4. bis 25. Oktober die zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Afrika statt. Thema ist „Die Kirche in Afrika im Dienst von Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden“. Im Hinblick darauf werden sich die Bischöfe Afrikas über die pastorale Situation der Kirchen als auch über die drängendsten Probleme auf dem afrikanischen Kontinent beraten und versuchen, Lösungen aufzuzeigen. Der Vorbereitungsprozess der Synode begann bereits 2006. Als Arbeitsgrundlage diente das sogenannte Lineamenta (Vorbereitungspapier) samt Fragenkatalog, das auch an der kirchlichen Basis mit verschiedenen christlichen Gruppen diskutiert wurde. Die Ergebnisse gingen im Herbst 2008 im Vatikan ein. Offiziell eröffnet wurde die Afrika-Synode vom Papst im März 2009 bei seiner Afrikareise, wo er den Vorsitzenden der afrikanischen Bischofskonferenzen das Arbeitspapier (Instrumentum laboris) überreichte.
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