Sie haben sich alle angesagt, die Mächtigen der Erde. Wenn vom 6. bis 18. Dezember in Kopenhagen um eine neue Klimastrategie gerungen wird, dann geht es auch um viel, um die Zukunft des Planeten. Erstmals in der Klimapolitik sind sich darüber auch alle Akteure im Klaren, sagt der Klimaforscher Ottmar Edenhofer.
Die einen sagen, es ist fünf vor Zwölf, für andere ist es bereits nach Zwölf – wie schätzen Sie die weltweite Klimalage ein? Edenhofer: Die Lage ist ernst, gewiss. Aber es ist noch Zeit, um sinnvoll etwas zu machen, Zeit für ein kraftvolles Handeln.
Vor wenigen Tagen begann die Weltklimakonferenz. Ist den politischen Akteuren bewusst, welche Verantwortung sie haben? Edenhofer: Sie haben jedenfalls genügend seriöse Informationen, um den Ernst der Lageerkennen zu können. Ob sie wirklich vorbereitet sind und ob sie das Ausmaß des Problems voll wahrnehmen, da habe ich meine Zweifel. Es gibt sicherlich eine Reihe von Politikern, die sehr genau verstehen, was auf dem Spiel steht. Dazu würde ich Obama zählen, auch Merkel und Barroso. Man muss auch positiv vermerken, dass gerade in den vergangenen Wochen von China und Japaneine ganze Reihe von Angeboten gemacht wurde, die in die richtige Richtung deuten. Ich war jetzt wieder länger in China und konnte feststellen, dass dort im letzten Jahr das Bewusstsein über die Folgen des Klimawandels und über die Notwendigkeit, die Kohlendioxid-Emissionen zu reduzieren, stark zugenommen hat.
Sie haben Hoffnung für Kopenhagen? Edenhofer: Ich bin nicht ohne Hoffnung. Denn erstmals in der Geschichte der Klimapolitik gibt es unter den wichtigsten Akteuren eine Übereinstimmung über die entscheidenden Fakten: 1. Der Klimawandel ist vom Menschen verursacht – durch das Verbrennen fossiler Energieträger. 2. Ein ungebremster Klimawandel ist gefährlich. 3. Es ist möglich, die klimaschädlichen Emissionen ausreichend zu vermindern – und das zu akzeptablen Kosten in der Größe von eins bis drei Prozent des weltweiten Sozialprodukts.
Wann wäre für Sie Kopenhagen ein Erfolg? Edenhofer: Es wäre unrealistisch zu erwarten, dass diese Konferenz alle Probleme lösen wird. Für mich wäre es ein großer Fortschritt, wenn in Kopenhagen die Weichen für einen ernsthaften Einstieg in eine weltweite Klimastrategie gestellt werden könnten.
Wie müssten diese Weichen aussehen? Edenhofer: Ich halte es für entscheidend, dass drei Aspekte klargemacht werden: 1. Wenn wir die Erderwärmung bei zwei Grad stoppen und damit einen gefährlichen Klimawandel vermeiden wollen, dann dürfen bis zum Ende dieses Jahrhunderts nicht mehr als 850 Gigatonnen CO2 in der Atmosphäre abgelagert werden. Dazu brauchen wir eine globale Vereinbarung. 2. Die festgelegte Emissionsminderung bzw. die Emissionsrechte, wer wie viel CO2 ablagern darf, müssen dann gerecht auf die einzelnen Staaten aufgeteilt werden. Dabei sind sicherlich schwierige Verteilungskonflikte zu überwinden. 3. Wir brauchen einen globalen Emissionshandel, der alle klimarelevanten Sektoren (Energiegewinnung, Industrie, Verkehr, Wärmedämmung etc.) umfasst.
Welche Rolle spielt die Europäische Union in der Klimapolitik? Edenhofer: Auch wenn nicht alles so läuft, wie es sollte, sind im Augenblick die EU und ihre Mitgliedsländer sicherlich diejenigen, die bei den Verhandlungen und bei den Maßnahmen eine Vorreiterrolle einnehmen. Wir haben in Europa immerhin bereits eine länderübergreifende Energie- und Klimapolitik. Aber wir müssen noch einiges verbessern. So etwa darf sich der Emissionshandel nicht nur auf die Energiewirtschaft und einige Branchen der Schwerindustrie beschränken, sondern muss alle Bereiche umfassen, die fossile Energie einsetzen.
Was läuft in Österreich schief, dass es in keinem einzigen wichtigen Sektor die EU-Klimaziele erreicht? Edenhofer: Ich glaube, dass die Politik, nicht nur in Österreich, die Herausforderungen unterschätzt hat. Es ist kein Spaziergang, eine Wirtschaft, die im Wesentlichen auf fossilen Energieträgern basiert, umzustellen. Da war man bei der Vergabe der Emissionsrechte wohl zu großzügig. Österreich hat zudem als europäische Transitdrehscheibe auf dem Verkehrssektor ein besonderes Problem, weil der Transportbereich am schwierigsten und nur langfristig kohlenstoffrei zu machen ist. Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, dass alle Bereiche – auch der Verkehr oder die Gebäudedämmung – in den Emissionshandel einbezogen werden, damit jedes Land die Möglichkeit hat, den günstigsten Mix aus eigener CO2-Reduktion und Emissionshandel zu finden. Ein umfassender Emissionshandel hätte auch den Sinn, dass Investitionen in neue Richtungen gelenkt würden und die Entwicklung neuer Technologien angeschoben würde, die für den Umbau zu einer kohlenstofffreien Wirtschaft unerlässlich sind.
Wie stehen Sie zum Ruf nach „Klimagerechtigkeit“ für die Entwicklungsländer? Edenhofer: Das ist eine ganz wichtige Forderung, weil die Entwicklungsländer vom Klimawandel am stärksten betroffen sind. Dieser Forderung kann man Rechnung tragen, indem man die Entwicklungsländer verstärkt mit Emissionsrechten ausstattet und sie ihre Rechte auch entsprechend verkaufen können. Man könnte z. B. längerfristig die Emissionsrechte so verteilen, dass jeder Erdenbürger das gleiche Recht auf CO2-Emission hat und man den verbleibenden Deponieraum in der Atmosphäre nach Bevölkerungszahl auf die Länder aufteilt. Derzeit verursacht ein EU-Bürger zehn Mal so viel CO2-Ausstoß wie ein Afrikaner. Um die Entwicklungsländer vor schweren Klimaschäden zu bewahren und dramatischen CO2-Verteilungskonflikten vorzubeugen, brauchen wir aber auch neue Technologien. Das ist auch eine Chance, Wirtschaftswachstum und Beschäftigung in einer neuen Qualität zu erzielen.
Politiker, aber auch Kirchenleute verweisen beim Klimaschutz gerne auf die Verantwortung der Konsumenten. Zu Recht? Edenhofer: Natürlich hat jede und jeder auch ein Stück Verantwortung – beim Einkaufen, beim Energieverbrauch, beim Verkehr. Mehr Verantwortung aber haben jene, die für die Rahmenbedingungen verantwortlich sind. Man kann einem österreichischen Bürger nicht sagen, kauft CO2-freie Produkte, wenn es die nicht gibt; oder benützt öffentliche Verkehrsmittel, wenn diese nicht bedarfsgerecht vorhanden sind. Das kommt mir vor, als ob mich jemand in einer Kantine, in der nur Fleisch serviert wird, auffordert, ich solle doch endlich vegetarisch essen. Genügend kohlenstofffreie Produkte aber wird es erst geben, wenn man das Ablagern von CO2 mit einem Preis belegt – und zwar weltweit.
Lexikon
Der Emissionshandel ist ein marktwirtschaftliches Instrument, um Treibhausgase kostengünstig zu senken. Die EU hat 2005 als Erste einen grenzüberschreitenden Handelsraum für Emissionsrechte geschaffen. Erfasst sind darin die Sektoren Stromerzeugung und Schwerindustrie. Bisher nicht erfasst sind die Bereiche Verkehr und Gebäudewärme, ein Mangel, der korrigiert werden soll. Im Zuge des EU-Emissionshandels bekamen 12.000 Industrieanlagen Emissionsrechte. Wenn sie in einer vorgegebenen Zeit weniger CO2 ausstoßen, können sie ihre überschüssigen Rechte verkaufen. Alternativ kann ein Unternehmen auch Emissionsrechte dazukaufen, wenn im eigenen Bereich die CO2-Reduktion zu teuer käme. Angestrebt wird ein globales System.
Klimaschutz und global player Kirche
Einen „gemeinsamen Kraftakt“ für den Klimaschutz hat die Deutsche Bischofskonferenz im Vorfeld der Kopenhagener Konferenz gefordert. Österreichs Dritte-Welt-Bischof Ludwig Schwarz hat mehrfach auf die Bedrohung der Entwicklungsländer durch den Klimawandel hingewiesen. Auch Papst Benedikt hat die Verantwortlichen aufgerufen, entschlossene Maßnahmen gegen den drohenden Klimawandel zu beschließen.
Der Klimaforscher Ottmar Edenhofer meint trotz aller Appelle, dass sich seine, die katholische, Kirche zu wenig entschlossen für den Klimaschutz einsetze. Für ihn war es „sehr enttäuschend, dass die letzte Enzyklika von Papst Benedikt diese zentrale globale Herausforderung kaum angesprochen hat.“ Gerade die katholische Kirche müsste ihre Möglichkeiten als „global player“ viel stärker nutzen, um ein Bewusstsein zu schaffen, dass die Welt vor einem dringend notwendigen Umbau steht, vor dem Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft.
Die Kirche, so Edenhofer, hätte viele Möglichkeiten, jene, die vom Klimawandel am stärksten betroffen sind, wie etwa die Afrikaner, mit denen, die zu den großen CO2-Emittenten zählen, wie Europa und Nordamerika, in einen fruchtbaren Dialog zu bringen. Es genüge nicht, auf das eine oder andere Kirchendach eine Fotovoltaikanlage zu montieren, es gehe darum, entschlossen daran mitzuarbeiten, um globale Perspektiven zu entwickeln, sagt Edenhofer. Wie dringend das wäre, habe er erst kürzlich bei einem Gespräch mit brasilianischen Bischöfen über die Rettung des Amazonas-Regenwaldes erfahren.