Niklaus von Flüe war erst Bauer, dann Offizier, Ratsherr und Richter. Schließlich entsagte der zehnfache Vater dem weltlichen Leben und verbrachte die letzten 20 Jahre seines Lebens als Eremit.
Von seiner Einsiedelei im schweizerischen Sachseln aus machte sich der fromme Mann über die Landesgrenzen hinaus einen Namen als Vermittler und Ratgeber für Staatsoberhäupter im Europa des 15. Jahrhunderts. Heute gilt Niklaus von Flüe – Bruder Klaus, wie er als Einsiedler genannt wurde – als Schutzpatron der Schweiz. 2017 feiern Wallfahrer und Gläubige den 600. Geburtstag des 1947 heiliggesprochenen Mannes.
Einsiedelei
Auf dem Weg zum Heiligen herrscht Stille. Einsam und steil hinab geht es in engen Serpentinen durch den Wald. Wer in den Ranft, ein tief eingeschnittenes Tal in der Schweizer Gemeinde Sachseln bei Luzern, hinuntersteigt, erfährt Ruhe. Von den Bäumen verdeckt, verbirgt sich die Einsiedelei des Niklaus von Flüe vor den Blicken. Erst spät tauchen die kleine Kapelle und die angelehnte Wohnzelle zwischen dem Grün auf.
Regt schon der Abstieg zum Meditieren an, so lädt das kleine Gotteshaus zum Verweilen ein. Doch das eigentliche Ziel ist für viele Besucher die winzige Eremitage. Sie ist ein Ort der Ruhe und Abgeschiedenheit, an dem, das spürt man, Kraft für den Alltag getankt werden kann. „Die Wohnzelle entspricht größtenteils noch dem Originalzustand von 1468“, erklärt Doris Hellmüller, Geschäftsleiterin der Bruder-Klausen-Stiftung. Diesen Raum bezog Niklaus von Flüe am 16. Oktober 1467. Freunde und Nachbarn haben ihm nach seinem Rückzug aus dem bürgerlichen Leben 1467 Kapelle und Wohnzelle gebaut. Ein Jahr später wurde die Kapelle geweiht. Nach Aussage seiner Frau Dorothee hat er sein Wohnhaus fortan nicht mehr betreten und lebte hier als Bruder Klaus bis zu seinem Tod am 21. März 1487 in größter Einfachheit. Hier wurde er zum Ratgeber für Menschen aus nah und fern und die große Politik, wurde zum Mittler und Mystiker. Seit Hunderten von Jahren kommen Suchende, Wallfahrer und Gläubige an diesen Ort, um die Wirkungsstätte von Niklaus von Flüe aufzusuchen, wie der Eremit mit bürgerlichem Namen hieß. Die Wände des engen Zugangs zum letzten Wohnraum des Heiliggesprochenen hängen voller Votivtafeln. Über eine enge Treppe mit knarzenden Stufen geht es durch eine sehr schmale Tür in den Raum des Eremiten, der zwei kleine Fensteröffnungen aufweist. An der Wand hängen nur ein Kreuz und eine Kopie des Betrachtungsbildes von Bruder Klaus, das er auch sein Buch nannte, in dem er las und mit dem er meditierte. Es ist eine Leinwandtafel mit Gottesantlitz im Zentrum, die der Einsiedler als Geschenk erhielt.
Vermittler und Versöhner
Hier also begann das zweite Leben des Niklaus von Flüe, das Leben als Bruder Klaus. Und das eines Ratgebers, Vermittlers und Versöhners. Besucher von nah und fern suchten den frommen Mann in seiner Einsiedelei auf. Die einen hatten alltägliche Probleme auf dem Herzen, die anderen diskutierten politische Fragen mit ihm. Als Ende des 15. Jahrhunderts dunkle Wolken über der Schweiz schwebten und gar der Zerfall der Eidgenossenschaft drohte, gelang dem Eremiten sein Meisterstück: Mit einem bis heute unbekannten Rat, den Heimo Amgrund, der Pfarrer von Stans, den zerstrittenen Verhandlungspartnern überbrachte, gelang es Bruder Klaus, die Streithähne zu versöhnen und die Auflösung der Eidgenossenschaft zu vermeiden.
Das „Ja“ der Ehefrau
Die Annäherung an den bis heute über die Schweiz hinaus verehrten Niklaus von Flüe beginnt für die meisten Wallfahrer und Besucher in der Pfarrkirche in Sachseln. Seit 1679 befindet sich hier das Grab des Heiligen. Die Reliquien sind in einer silbergetriebenen Figur gefasst und seit 1934 in den Zelebrationsaltar integriert. Draußen gleich vor dem Gotteshaus steht die Statue seiner Frau Dorothee, umringt von ihren Kindern. Von der Frau des Eremiten weiß man kaum etwas, und doch war die zehnfache Mutter es, die Niklaus von Flüe sein zweites Leben als Eremit erst ermöglichte: Zwei Jahre lang besprach der Familienrat den geplanten Rückzug und die Trennung von seiner Familie. Nach vielerlei Aussprachen, Testamentsverfassung und Regelung der Hinterlassenschaft kam die Familie überein, dass das Leben als Eremit die beste Lösung für alle war. Erst das „Ja“ seiner Ehefrau Dorothee also ermöglichte es Niklaus von Flüe, ein neues Leben zu beginnen. Dieses „Ja“ nannte er „eine der drei Gnaden“, die er erhalten habe. Fortan lebte er sein Leben als Bruder Klaus, das ihn bis heute lebendig wirken lässt.