250 verschiedene Paradeiser-Sorten, ebenso viele Chili-Arten wie auch „Gemüse-Inkognitos“ reifen in der Gärtnerei Stockenhuber, dort wo einst die Stiftsgärtnerei Engelszell gewesen ist. Walter Stockenhuber weiß zu jeder Pflanze Interessantes zu erzählen. Die Vielfalt ist der Reichtum der Kleinen.
Dieser Reichtum ist gefährdet, so fürchten besorgte Stimmen, wenn die EU mit einer nun diskutierten Saatgut-Verordnung den großen Konzernen in die Hände spielt. Die Kleinen und Bewahrer der Artenvielfalt würden das Nachsehen haben, denn die Zulassungsverfahren sind für sie zu teuer.
Artenvielfalt
Bis in die Sechziger-Jahre des letzten Jahrhunderts war privates Samenziehen gang und gäbe, erzählt Walter Stockenhuber: Wer einen Hausgarten hatte, tauschte mit dem Nachbarn Pflanzensamen. Jeder Garten hatte Besonderes zu bieten. Durch die Samen-Weitergabe wurde die Artenvielfalt gepflegt. Allmählich aber verdrängten Hybridpflanzen (Kreuzung zwischen Eltern verschiedener Arten) den Reichtum der Vielfalt, weil die Züchtung in den Händen weniger großer Konzerne liegt. Argumentiert wird solche Züchtung mit Höchstleistung, Widerstandfähigkeit und Beständigkeit. Aber nicht mit Abwechslung, Geschmack und Regionalität. Dies sind die Punkte, die Stockenhuber für die Vielfalt ins Treffen führt.
Samenfest
Der Gärtner, der nur samenfeste Pflanzen zieht (also Pflanzen, die die gleiche Eigenschaft haben wie die Mutterpflanze), weist beim Rundgang auf Raritäten hin. Etwa auf den Rispensauerampfer. „Es ist ein herrliches Blattgemüse und kann während drei Viertel des Sommers bewirtschaftet werden. Eine herrliche Salatbeigabe“, schickt der Engelszeller Bio-Gärtner und Bio-Bauer in Lambrechten gleich eine Empfehlung für das wenig bekannte Gemüse nach. Dann wendet er sich der Hybrid-Hybris der Höchstleistung zu: „Unterm Strich haben wir in den Sechziger-Jahren pro Hektar mehr Ertrag gehabt als heute.“ Denn heute werde viel auf dem Feld gelassen, weil die Frucht nicht der Norm entspreche (zu groß, zu klein, zu ...). Wenn auch alte Sorten weniger Ertrag liefern, so haben sie viel mehr gesunde Inhalte, ist er überzeugt.
Händisch
Die Samen werden in Stockenhubers Gärtnerei händisch von den getrockneten Pflanzen abgenommen, so wie es auch Oma und Opa getan haben. Die Gärtnerei ist ein Fest für samenfeste Pflanzen. Seit Jahren kümmert sich die Familie Stockenhuber um die Bewahrung von Saatgut. Manche Samen müssen binnen eines Jahres eingesetzt werden (Schnittlauch), manche sind auch zwölf Jahre haltbar (Gurken), erzählt er, während wir an Erdbeerspinat, Gemüsemalve, Zimtbasilikum und 40 Gurkensorten vorbeikommen. „Lebensmittelsicherheit“, sagt die EU, sei das Ziel der Saatgut-Verordnung. Alles für die Konsument/innen also. Doch so recht glauben das viele nicht. Warum sollte Artenarmut sicherer mit Lebensmitteln versorgen? Ein Blick nach Indien könnte die Augen öffnen: Seit 2002 gibt es dort gentechnisch veränderte Baumwolle. Das Saatgut ist viel teurer, die Schädlinge sind resistent, daher wird viel Chemie ausgebracht, die Ernteerträge sinken.
Bio und Hybrid
Auch 95 Prozent der Bio-Sorten sind Hybrid-Züchtungen. Wem Regionalität wichtig ist, muss darauf achten, dass das Saatgut für die Pflanzen aus der Region kommt. „Das Saatgut gehört in die Hände der Bewohner/innen, nicht in die Hände geldgieriger Konzerne“, wünscht sich Stockenhuber ein Bewusstsein von Kund/innen und Politik für den Schutz der Artenvielfalt auch bei den Samen.
Im Internet werden Unterschriften gegen die geplante EU-Saatgut-Verordnung gesammelt: https://helfen.global2000.at/de/node/19