Narben, neue Schnitt- und Brandverletzungen. Faruk zeigt seine Wunden. Der Zwölfjährige geht nicht zur Schule. Stattdessen verbrennt er Elektrogeräte, um an das Kupfer in den Kabeln zu gelangen, das er dann verkauft.
Faruk hat sich vor etwa drei Jahren aus einem Dorf in der trockenen, armen Region Tamale im Norden Ghanas auf den Weg gemacht in die südliche Hauptstadt Accra. Alleine, ohne seine Familie. Um Geld zu verdienen. Gelandet ist er in Agbogbloshie, einer der größten Elektromüllhalden weltweit. Neben Faruk arbeiten dort insgesamt 7000 Kinder und Jugendliche.
Begehrtes Kupfer
Mit einem Stock hält Faruk das Feuer am Brennen. Als Brandbeschleuniger nimmt er alte Autoreifen. Übrig bleibt ein kleines Häuflein Kupfer, dass er lokalen Händlern auf der Deponie verkauft. Für ein halbes Kilo Kupfer, das er in etwa zwei Tagen gewinnt, bekommt er rund einen Euro. Das ist sein Geschäft. Tagein, tagaus. Der Restschrott, darunter Berge von Monitor-Verschalungen, bleibt auf der Müllhalde liegen.
Giftige Dämpfe
„Apokalyptisch“ – so beschreibt Christina Schröder ihre Eindrücke nach einem Lokalaugenschein in Agbogbloshie. „Schwarzgraue Rauchschwaden, hervorgerufen durch die vielen Feuerstellen, sind das Erste, das man sieht, wenn man sich dieser Müllhalde nähert. Nach einer Stunde vor Ort bekommt man Kopfweh und denkt, man muss aus der Haut fahren“, berichtet die Südwind-Mitarbeiterin. Die Nichtregierungsorganisation setzt sich seit 30 Jahren für nachhaltige Entwicklungspolitik, Menschenrechte und faire Arbeitsbedingungen weltweit ein.
Je kleiner die Elektrogeräte in ihre Einzelteile zerlegt werden, desto einfacher kann man sie verbrennen, so Christina Schröder. „Mit einem Stein wird der Computer oder Bildschirm zertrümmert. Dabei kommt es zu einer Explosion, es zischt und hochgiftige Dämpfe entweichen. Danach wird das Gerät mit Scherben weiter zerlegt. Giftige, umweltgefährdende Stoffe gelangen auch in den Boden, der voll ist mit Metallsplittern, Scherben und Drahtstücken. Die Kinder und Jugendlichen arbeiten dort barfuß in Flipflops, manchmal in Socken, mit bloßen Händen, ohne Schutz. Sie schneiden sich ständig, haben keine Tetanusimpfung und wissen auch gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt.“
Ohne jede ärztliche Versorgung
Faruks Gesundheit ist durch das Einatmen der giftigen Dämpfe während seiner Arbeit schwer beeinträchtigt. Kopfweh, entzündete Augen, Husten, Schweißanfälle in der Nacht. Sind die Beschwerden zu schlimm, kauft er sich Schmerztabletten, die von Leuten auf der Deponie einzeln verkauft werden. „Faruk hat, wie die meisten hier auf der Müllhalde, keine ärztliche Betreuung, keine Krankenversicherung, keine Tetanusimpfung. In Ghana gibt es zwar ein relativ funktionierendes Gesundheitssystem, das Problem ist aber, dass die Kinder eine fixe Wohnadresse und einen Erwachsenen brauchen, um sich registrieren zu lassen. Das wissen sie aber nicht.“
Neben Agbogbloshie liegt „Sodom und Gomorra“, ein Slum, in dem viele der Kinder, die auf der Müllhalde arbeiten, wohnen. Auch Faruk. Manche teilen sich mit anderen Jugendlichen dort eine Unterkunft. Andere wohnen direkt auf der Deponie in Holzverschlägen.
Illegaler Export
Trotz Verbot – seit 2006 ist laut Europäischer Richtlinie der Export von Elektroschrott in Nicht-OECD-Länder untersagt – landet Elektromüll nach wie vor in Westafrika. Nur funktionierende Altgeräte dürfen als Secondhand-Ware aus Europa ausgeführt werden. Um sich das teure Recycling in Europa, wie gesetzlich vorgeschrieben, zu ersparen, greift man zu illegalen Mitteln, indem die Geräte falsch deklariert werden – als gebrauchte Secondhand-Ware. Tema nahe der Hauptstadt Accra in Ghana und Lagos in Nigeria sind die leistungsstärksten Hochseehäfen, wo große Containerschiffe aus Amsterdam und Antwerpen anlegen können. Sie sind daher auch Zielländer für Elektroschrott in Westafrika. „Das große Problem bezüglich des illegalen Exports an Elektroschrott ist, dass selbst in der EU und in Österreich, wo die Menschen fleißig Elektro- und Elektronikgeräte sammeln, nur ein Drittel bis zur Hälfte des Elektroschrotts über die öffentlichen, staatlichen Systeme gesammelt wird. Der Rest verschwindet irgendwohin“, erzählt Südwind-Mitarbeiterin Ines Zanella.
Elektroschrott in Zahlen
Laut Internationaler Arbeitsorganisation ILO wurden im Jahr 2012 weltweit 41 Millionen Tonnen Elektromüll produziert. Jährlich soll der Müllberg um vier Prozent wachsen. In der EU fallen im Jahr 10 Millionen Tonnen Elektroschrott an. In Österreich waren es 77.800 Tonnen Elektroschrott, die 2012 gesammelt wurden. 15.000 Tonnen werden nach Angaben der Elektrogeräte-Koordinierungsstelle Austria jährlich illegal aus Österreich ausgeführt. Laut Statistiken des Sekretariats des Basler Übereinkommens, eine internationale Vereinbarung, die weltweit vor allem das illegale Abladen von gefährlichem Müll in Entwicklungsländer verhindern soll, importierte Ghana 2009 215.000 Tonnen Elektrogeräte. 85 Prozent davon kommen allein aus Europa, der Rest aus Asien, Nordamerika und anderen Ländern. 70 Prozent der Geräte waren gebraucht und als Secondhand-Ware deklariert. Doch 30 Prozent davon sind bereits bei der Einfuhr kaputt und nicht mehr funktionstüchtig gewesen.
Forderungen
Was also tun, um das Ansteigen des Elektromüllbergs zu vermeiden? Die Organisation Südwind fordert den Elektrohandel auf, ihre Entsorgungsketten offenzulegen und Elektroschrott als auch Gebrauchtgeräte gesetzeskonform bei zertifizierten Verwertungsfirmen zu entsorgen. Hersteller sollten ihre Geräte ohne giftige Inhaltsstoffe wie Quecksilber oder Flammschutzmittel produzieren und die Elektrowaren so konstruieren, dass sie länger halten und repariert werden können. Denn bei der so genannten „geplanten Obsoleszenz“ werden bereits während des Herstellungsprozesses ganz bewusst Schwachstellen in die Geräte eingebaut, damit sie schneller kaputt gehen. „Konsumenten empfehlen wir, ihre Geräte nur bei den öffentlichen Sammelstellen der Gemeinden zu entsorgen, nie bei privaten Schrotthändlern. Geräte, die noch funktionieren, können zu „Re-Use“-Zentren gebracht werden, wo man sie repariert bzw. an zertifizierte gesetzeskonforme Recyclingunternehmen weitergibt“, rät Ines Zanella.
Träume
Trotz des tristen Alltags haben die Kinder von Agbogbloshie ihre Träume. Faruk möchte gerne Musiker oder Fußballspieler werden, andere Kinder Schneider oder Mechaniker. Christina Schröder erzählt, dass viele der älteren unter ihnen sich wünschen, zur Schule gehen zu können. „Sie wissen, dass das ein Ausstieg sein könnte aus diesem Szenario.“ www.suedwind-agentur.at
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