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Da glaubt man, es singen die Engel

Wie die serbisch-orthodoxen Christen das Jahr des Kosovo-Krieges erlebten
Ausgabe: 1999/51, Kosovo, Engel, singen, Serbisch-Orthodoxen
21.12.1999
- Matthäus Fellinger
Sie hatten wochenlang keinen Kontakt mit ihren Angehörigen. Daheim das Wirtschaftsembargo, hier ein Embargo der Gefühle. Sie sind Christen. Die Serbisch-Orthodoxen in Oberösterreich.Wie sie singen! Und das bei einer ganz einfachen Andacht. Jeden Samstag treffen sich serbisch-orthodoxe Gläubige in der Linzer Hafenkirche zum Abendlob. Rund 20 sind es an diesem trüben Dezemberabend.

„Sie müssten erst erleben, wenn meine Frau und meine Tochter zusammen singen. Da glaubt man, es singen die Engel.“ Dusan Miladinovic, der Mann, der das Kompliment ausspricht, versteht etwas von Musik. Vieles sogar. Programmdirektor und Dirigent an der Belgrader Staatsoper war er, ehe er mit seiner Familie das Land verlassen musste. Nach Ungarn zunächst. Das private Vermögen musste die Familie zurücklassen. Da war es auf einmal nicht mehr erwünscht, dass ein Serbe ein großes Orchester dirigiert. Dusan verlor seinen Beruf. 1999 ist ein Jahr der schmerzvollen Erinnerung für viele der rund 8000 serbisch-orthodoxen Gläubigen im Raum Linz und Wels. Mit den Gläubigen der Kirchdorfer Gemeinde zusammen sind sie 12.000 in Oberösterreich .

Bosnien, Kosovo. Milosevics Krieg hat gleichfalls viele Serben getroffen. Diesen Krieg haben auch sie nicht gewollt.

Wer kümmert sich darum, dass heute in Serbien rund eine Million Flüchtlinge leben – unter den Bedingungen des Embargos? Daheim das Wirtschaftsembargo, hier das Embargo der Gefühle.Für rund 260 Buben und Mädchen aller orthodoxen Nationalitäten unterrichtet Mirjana Stefanovic, Dusans Frau, Religion. Zwischen 26 Linzer Schulen pendelt sie jede Woche.

Nacht der ersten Bomben


Jenen Morgen im März, unmittelbar vor der Karwoche, hat sie genau in Erinnerung. Der erste NATO-Angriff wurde in der Nacht gegen Serbien geflogen. Verängstigte Kinder kamen in die Schule. Die meisten hatten nicht geschlafen. In den Klassen erlebten sie sich als Außenseiter, als wären sie selbst für den Krieg verantwortlich. Viele serbische Familien hatten wochenlang keinen Kontakt mit ihren Verwandten. Viele haben bis heute einen Teil der Familie daheim, ohne Chance auf Familienzusammenführung.

Milka Surlan – ebenfalls unter den Sängerinnen beim Abendgottesdienst – unterrichtet in Wels Religion. An ihrer Stammschule weiß sie sich gut angenommen; deshalb belastet sie das ständige Pendeln zwischen 16 Schulen für 22 Religionsstunden in der Woche weniger. Milka stammt aus Bosnien. Auch sie lebte in wochenlanger Ungewissheit, als der Krieg ihre Heimat erreichte.

Mirjana war seinerzeit die erste Frau an der Theologischen Fakultät in Belgrad, die orthodoxe Theologie studierte. Von vielen wurde sie belächelt. „Was willst du bei uns?“ Religionslehrerin wollte sie werden. Dass sie das in Linz werden würde – Mirjana sieht es höhere Fügung.

Dragan Micic ist Pfarrer in Linz. Mit rund 200 bis 400 Gläubigen feiert er jeden Sonntag den Gottesdienst in der Hafenkirche. Keine Sitzbänke befinden sich im Raum. Bei großen Festen sind es bis zu tausend Leute, die so Platz finden. Als kürzlich Bischof Konstantin, zuständig für Mitteleuropa, zu Besuch in Linz war, dauerte der Festgottesdienst gut drei Stunden. Gar 2000 Leute waren es, die zu den beiden großen Friedensgebeten gekommen sind. Der Krieg war am Höhepunkt. Pfarrer Micic hat es schmerzlich erlebt. In den Medien sind die Friedensgebete der Serben nicht erwähnt worden.

Viele der hier lebenden Serben haben in der Heimat alles verloren, was sie sich mit dem in oberösterreichischen Betrieben verdienten Geld aufgebaut hatten. Da sollten sie den noch Ärmeren helfen. Eine Hilfsaktion wurde organisiert. Mit dem gespendeten Geld wurden in Serbien selbst – Waren durften ja nicht hinein – rund 750 Pakete zu je 25 Kilogramm gepackt. Pfarrer Micic hat sie selbst verteilt, damit sie den wirklich Bedürftigen zu Gute kamen.

Wenn die Gläubigen das Gotteshaus betreten, küssen sie die Ikone in der Mitte der Kirche. Hier ist es die Ikone des hl. Vasilius. Vor der Salbung am Schluss der Feier beugt man sich zu Boden und berühren mit einer Hand die Erde. Dann erhebt man sich, um die Ikone zu grüßen. Ganz am Boden waren sie in diesem Jahr. Ob sie sich in Würde aus dem Leid dieses Jahres 1999 erheben können?

Auch den Serben Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist ein Anliegen von Dr. Severin Renoldner von der kirchlichen Friedensbewegung Pax Christi. Hilfe, die Serben dringend bräuchten, scheitert an Vorurteilen. „Es darf kein neuer Rassismus entstehen!“, sagt Renoldner.
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