Der Weg zu Jesus hat für Ursula Struppe in jungendlicher Begeisterung begonnen.
Wer ist für mich Jesus Christus? Was bedeutet(e) er in meinem Leben? So die Fragen der Kirchenzeitung. Seltsam, dass diese Fragen – immerhin Basisfragen des Christseins – kaum öffentlich gestellt oder beantwortet werden. Dass sie fast indiskret wirken, allzu intim. Ist hier etwas verloren gegangen? Ist es ausgewandert in spirituelle (Sonder-)Gruppen? Wie auch immer: Nicht theologische Abhandlung sei gewünscht, sondern persönliches Zeugnis, mahnte die Redaktion. Die Zuflucht zu gedrechselten theologischen Formulierungen ist mir also verwehrt. Wo beginnen?
Getroffen bis ins Mark
Ich bin einer Familie aufgewachsen, in der Glaube und Kirche keine Rolle spielten. Ich hatte nicht einmal eine fromme Großmutter. Ich kann das bis heute nicht als Nachteil sehen. Von den Auswirkungen einer verzerrenden religiösen Erziehung, wie sie mir heute manchmal in erschreckender Form begegnen, blieb ich verschont. Dann kam ich in eine „gute“ katholische Schule. Was dort religiös vorging, berührte mich nicht. Weder negativ noch positiv. Ich war 16, als mir in der Innenstadt eine missionierende freikirchliche Gruppe begegnete. „Jesus liebt dich.“ Ich war merkwürdig getroffen, bis ins Mark. Ich begann, die Bibel zu lesen. War bewegt. Glücklich. Begeistert vom freien Gebet bei den Versammlungen, von der herzlichen Atmosphäre. Plötzlich war ich Christin, wollte es sein. Allerdings: Christin nicht wie in den satten, bürgerlichen Großkirchen. Sozusagen „Christin alternativ“, jugendlich, frisch, unkonventionell. Es hat einen langen Weg gebraucht, bis ich dieses Christsein in der katholischen Kirche leben wollte und konnte. Bis heute ist mir geblieben, manches nicht gar so wichtig zu nehmen.
Zwar stehe ich heute einigen meiner damaligen Vorstellungen und Frömmigkeitsformen lä-chelnd und teilweise fast befremdet gegenüber, aber: Diese begeisterte Anfangserfahrung trägt und prägt mich bis heute. Und auch dies ist gleich geblieben: Die Gewissheit, angenommen, bejaht, geliebt zu sein. Mit meinen Abgründen und Wirrnissen, mit meiner Leidenschaft und meiner Kraft – unbedingt und radikal angenommen zu sein. Der folgende Satz ist mir wichtig, auch wenn ich nicht weiß, woher er stammt: „Dein Weg entsteht beim Gehen unter deinen Füßen wie durch ein Wunder.“ Auf festem Grund stehen und sich dennoch immer neu auf eine Zukunft hin aufmachen, die noch ungewiss ist; immer wieder staunen, dass da ein Boden entsteht, auf dem ich gehen kann, ein verlässlicher, tragfähiger Weg. „Ich bin der Weg.“ Der Weg, nicht die Endstation. Aufbruch, nicht Stillstand. Fester Halt, wenn alles im Fluss ist; ins Fließen kommen, wenn alles zu fest gefügt ist. Spannung von Ruhe und Unruhe, von Geborgenheit und Aufbruch. Spannungen, die Leben ausmachen. „Ich bin das Leben.“
Mit Macht gerufen
Und die zweite unausweichliche Gewissheit in bestimmten Situationen meines Lebens: Jetzt und hier bin ich gefragt, herausgefordert. Das soll ich tun. Diese Entscheidung muss ich treffen. Oft unbequem. Oft auch angstmachend. Meist so, dass ich es fast als Überforderung empfand. Aber auch hier: in meinen tiefen Tiefen zu wissen, dass ich gemeint bin, unvertretbar, dass es mich angeht. Herausgerufen sein zum Handeln. Immer auch: Heraustreten aus dem Sicheren und Geschützten, um sichtbar zu werden, angreifbar, anfechtbar. Die dritte und letzte Grunderfahrung, zu der Jesus mich herausfordert: Mich auf die Seite und in die Nähe derer zu stellen, die arm sind, benachteiligt, leidend, Vorurteilen oder Unmenschlichkeiten ausgesetzt. Ich kann Jesus-Texte aus der Bibel nicht mehr lesen, ohne dies vor mir zu haben: Wie er die Nähe der Gequälten und Geschundenen sucht, wie er sich ihnen zuwendet, was er ihnen schenkt, ist dasselbe, was er mir schenkt: er richtet uns auf, schenkt Mut zum aufrechten Gang, stärkt das Rückgrad, befreit von Fesseln, schenkt Bewegungsfreiheit und Freiraum. Deshalb gehört die „Heilung der gekrümmten Frau“ zu meinen Lieblingsstellen – auch weil sie von einer Frau handelt.
Bedenk-Text
Am Sabbat lehrte Jesus in der Synagoge. Dort saß eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Dämon geplagt wurde. Ihr Rücken war verkrümmt und sie konnte nicht mehr aufrecht gehen. Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinen Leiden erlöst. Und er legte ihr die Hände auf. Im gleichen Augenblick richtete sie sich auf und pries Gott. Der Synagogenvorsteher war empört darüber, dass Jesus am Sabbat heilte, und sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat. Der Herr erwiderte ihm: Ihr Heuchler! Führt nicht ein jeder von euch seinen Esel am Sabbat zur Tränke? Diese Tochter Abrahams aber sollte am Sabbat nicht geheilt werden? Lk, 10–17