Kein Mensch weiß, wieviele Minen und Munitionsteile auf der Fläche der ehemaligen „Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien“ lagern und eine schlafende Gefahr auf Jahrzehnte darstellen. Manche Landstriche Bosniens und der Kosovo zählen heute zu den schwerstverminten Gegenden der Welt. Aber nicht nur in der Erde ticken die Bomben. Auch in Gehirnen und Herzen ist der Friede noch lange nicht verwurzelt. Vorbehalte, Ängste, Misstrauen und alte Wunden beherrschen die Gefühle auf allen Seiten. Kroaten trauen sich ebensowenig in ihre alten Dörfer in Mittelbosnien zurück, wie sich Bosniaken (z. B. Moslems aus Sarajevo) frei in der (kroatisch bewohnten) Herzegowina zu bewegen wagen. Serben haben ob ihres Verhalten von vorneherein keine Sympathien mehr. Tatsächlich stattgefundene Übergriffe der Vergangenheit und üble Gerüchte verhindern die rationale Annäherung an den Gedanken eines friedlichen Miteinanders im jungen Staat Bosnien-Herzegowina. Noch bleiben große Konflikte aus. Die zwar kleiner werdene, aber schlagkräftige SFOR-Truppe und der Hohe Repräsentant (derzeit der Österreicher Wolfgang Petritsch) sorgen mit starker Hand für die Umsetzung des Friedensabkommens von Dayton. Äußerlich lässt es sich realisieren, doch in vielen Köpfen spuken nationalistische und ethnisch getrenne Fantasien. Was wird sein, wenn in einigen Jahren die internationale Assistenz bzw. Aufsicht das Land verlässt? Pessimistische, aber nicht unrealistische Antwort: Dann werden die Karten nochmals neu gemischt. Die Bomben ticken schon heute.