Vier Jahre nach Dayton: Wiederaufbau, ethnische Scheu und viel Armut
Ausgabe: 2000/01, Bosnien, Winter, Dayton, Armut, Mostar, Sarajevo
04.01.2000
- Martin Kranzl-Greinecker
Vor gut vier Jahren wurde im Friedensabkommen von Dayton der Krieg in Bosnien offiziell beendet. Zu Beginn des Jahres 2000 sind immer weniger äußere Schäden sichtbar. Hinter den Fassaden aber regieren Not und Sorge.
Die Straße von Mostar nach Sarajevo schlängelt sich dem Fluss Neretva entlang durchs Gebirge. fast alle Kriegsschäden hat man in den letzten Jahren repariert. Keine Behelfsbrücken mehr, keine Checkpoints mit fremden Soldaten mehr. Am Straßenrand improvisierte Restaurants und in jedem Ort sichtbar Polizeipräsenz, die Rasern Einhalt gebieten. „Wir sind froh, dass die Polizei so stark ist“, sagt eine junge Moslemin. „Das gibt Sicherheit und verhindert Übergriffe.“ Freilich gilt solches nur für die Polizei in jenem Landesteil, in dem die eigene Volksgruppe die Mehrheit stellt. Wer im anderen Kanton unterwegs ist, möchte mit den „anderen Polizisten“ nichts zu tun haben. Der andere Akzent, die bestimmte typische Kleidung oder ein Blick in die Fahrzeugpapiere lässt erkennen, ob man Kroate, Moslem oder Serbe ist. Das spielt auch heute die große Rolle, selbst wenn das Gesetz längst Gleichbehandlung und Bewegunsfreiheit garantiert.
Wenig Arbeit, kleiner Lohn
Sarajevo. Dichter Smog liegt über der Stadt. Die Eiseskälte spornt die Fernheizwerke zu Höchstleistungen an und Luftfilter sind in Nachkriegstagen nicht von vordringlicher Bedeutung. Wenige Jahre nach dem Kreuzweg von Beschuss und Belagerung ist der Wiederaufbau beschädigter Wohnviertel voll in Gang. Belebte Straßen, volle Innenstadt-Schaufenster. Der Kauf der Artikel bleibt meist ausländischen Soldaten und Mitarbeitern internationaler Organisationen vorbehalten. Wer zu den Glücklichen zählt, die Arbeit haben, verdient normalerweise ein paar hundert Mark. Die Nationalwährung KM (konvertible Mark) hält zur deutschen Mark 1:1-Kurs. Eigentlich eine Kunst, um dieses Geld sich und die eigene Familie zu ernähren, wo die Lebenshaltungskosten nicht viel niedriger sind als in Österreich.