Bischof Richard Weberberger: Kein Grund für triumphalistische Feiern
Ausgabe: 2000/17, Brasilien
25.04.2000
- Walter Achleitner
Vor 500 Jahren, am 26. April 1500, wurde in Brasilien zum ersten Mal eine Messe gefeiert. „Wir stehen zur Geschichte und verleugnen sie nicht“, sagt dazu der aus Oberösterreich stammende brasilianische Bischof Richard Weberberger. Die Kirche hat zwar tatsächlich in Lateinamerika das Evangelium verkündet, war aber auch verstrickt in die unmenschliche, rein auf politische und wirtschaftliche Interessen ausgerichtete Unterwerfung der dortigen Bevölkerung. Die Kirche will daher nicht triumphalistisch feiern, sondern den Opfern und Ausgeschlossenen ihre Stimme geben. Die Nachfahren der afrikanischen Sklaven und die Indio-Bevölkerung haben bis heute den Preis für die Ausbeutungs-Geschichte zu zahlen.Das 500-Jahr-Gedenken der Eroberung Brasiliens legt das Augenmerk deutlich auf die Frage der Gerechtigkeit im Welthandel. Noch immer wird der Luxus weniger unter Missachtung der Rechte anderer aufrecht erhalten.
Am 26. April gedenken die Bischöfe Brasiliens in Porto Seguro der ersten Messfeier vor 500 Jahren. Ureinwohnern und Nachfahren afrikanischer Sklaven wird dabei besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Mit welchen Gefühlen fahren Sie zu den 500-Jahre-Feiern der Kirche nach Porto Seguro? Weberberger: In der Bischofskonferenz sind wir schon vorbereitet. Wir wissen, dass diese Feier mehrere Seiten hat. Zunächst die Polemik: Entdeckung oder Invasion. Es gibt allerdings kein Mittelding, darum muss man beide nebeneinander stehen lassen und nicht versuchen zu glätten. Die Elite, die dadurch reich geworden ist, wird natürlich nicht sagen, dass es eine Invasion war. Die zweite Dimension ist auf jeden Fall die der Indianervölker und der afrikanischen Sklaven. Das ist eine Dimension, die man in ganz besonderer Weise berücksichtigen muss. Und das Dritte ist die Verbindung zwischen dem Kolonialprojekt der Europäer in Verbindung mit der Evangelisierung der katholischen Kirche. Das war ein einziges Projekt, nur verständlich aus dieser Zeit.
Und wie sieht die katholische Kirche in Brasilien heute diese Verbindung? Weberberger: Als Kirche nehmen wir unsere Geschichte an, mit allen guten und negativen Seiten. Wir stehen zur Geschichte und verleugnen sie nicht. Dass wir Bischöfe uns in der Beurteilung der kirchlichen Situation, durch die enge Verbindung zwischen Kolonialprojekt und Evangelisierung, noch nicht ganz im Klaren sind, ist für mich normal. Denn es ist ambivalent: Einerseits ist die Kirche in dieses unmenschliche, rein auf politische und wirtschaftliche Interessen ausgerichtete Kolonialprojekt eingezwängt worden, andererseits aber hat sie das Evangelium von Jesus Christus den Menschen verkündet, was absolut positiv war.
Vier Tage nach den staatlichen Feiern gedenkt am 26. April die Kirche der ersten heiligen Messe vor 500 Jahren. Wird dabei dieser Zwiespalt angesprochen? Weberberger: Dieses Datum der ersten Messe ist zentral für die brasilianische Gesellschaft. Wir stehen zu unserer Geschichte und dewegen gehen wir auch nach Porto Seguro. Wir haben lange diskutiert und immer wieder darauf hingewiesen: Wir wollen keine triumphalistische Feier, sondern als Kirche wollen wir nun den Ausgeschlossenen unsere Stimme geben. Die Vertreter der indigenen Völker und die Nachfahren der afikanischen Sklaven werden darum einen ganz wichtigen Platz einnehmen. Es gibt Stimmen, die uns vorhalten, dass wir die europäischen Einwanderer des 19. Jahrhunderts nicht erwähnen. Diese waren willkommen, um das Land weiß zu machen. Während die Geschichte der Indios eine völlig andere ist. Menschlich gesehen wäre das ein völliges Verkennen historischer Gegebenheiten, würde man die drei nebeneinander stellen. Opfer dieser „Entdeckung“ sind die indianischen Völker und die afrikanischen Sklaven. Die anderen waren die Herren.
Haben die Indio-Völker diese Einladung zum Gottesdienst gerne angenommen? Weberberger: Sie haben es deshalb gerne angenommen, weil sie spüren, dass die Kirche sie nicht verzwecken will. Sondern im Gegenteil. Sie erfahren, dass ihre Interessen der Kirche ein Anliegen sind und dass wir sie wenigstens heute in ihrer Eigenart zutiefst respektieren. Außerdem wird eine Gruppe von Bischöfen in das Gebiet der Pataxó gehen und mit ihnen einen Gottesdienst feiern.
Die kirchlichen Feiern stehen damit im Gegensatz zu jenen der Regierung. Weberberger: Die Regierung hat dieses Jubiläum schlecht vorbereitet. Sie hat geglaubt, man könne das feiern. Inzwischen aber haben sowohl die indigenen Völker als auch die Afrobrasilianer, aber auch die Landlosen und viele Intelektuelle die öffentliche Meinung zu einem Nachdenkprozess gezwungen.
Die brasilianischen Bischöfe erarbeiten ein gemeinsames Hirtenwort zu den 500 Jahren. Was ist darin zu erwarten? Weberberger: Das Thema beherrscht die Vollversammlung der Bischöfe, die heuer in Porto Seguro stattfindet. Das gemeinsame Wort wird zunächst unsere Interpretation der Geschichte enthalten und soll zugleich einen Ausblick bieten: Wie wollen wir die Zukunft gestalten. Es wird ein realistischer Blick auf die Kirche werden, was sie getan und nicht getan hat. Das ist zugleich eine Kritik an dem, was wir in 500 Jahren versäumt haben. Was aus der vorliegenden zweiten Fassung wird, zeigt sich am 3. Mai, wenn unser Brief vorgestellt werden soll.
Das Erbe aufarbeiten
„Bei den Feiern ,500 Jahre Brasilien‘ darf es nicht nur darum gehen, den Blick in die Vergangenheit zu richten“, meint der Bischof von Barreiras, Richard Weberberger, im Gespräch mit der Kirchenzeitung. Vielmehr gehe es um die Erbschaften von damals und wie diese kolonialen Strukturen die Gesellschaft bis heute prägen. „Sie müssen aufgearbeitet werden“, meint Weberberger, „sonst lässt sich die Zukunft nicht gestalten.“ - Demokratie. Pedro Álvares Cabral hat 1500 das Land für die Krone in Besitz genommen und der portugiesische König hat Brasilien als sein Eigentum gesehen. Dieses hat er mit einigen Familien geteilt. Bis heute werden auf diese Art öffentliche und private Interessen vermischt. - Autoritär. Der Beginn dieser 500 Jahre war ausgesprochen autoritär. Und autoritäre Züge prägen bis heute Politik und Gesellschaft des Landes. - Ausgeschlossen. Die Ureinwohner, die indigenen Völker, wurden nach der Ankunft der portugiesischen Seefahrer in unvorstellbar grausamer Art ausgeschlossen. Es heißt, fünf bis sechs Millionen wurden ermordet. Auch heute werden Millionen von Menschen vom Leben ausgeschlossen. - Elite aus Europa. Folge der Kolonialisierung, die bis heute fortbesteht. Eine europäische Elite hat das Land in Besitz genommen. Darum ist es auch so schwierig, zu einer nur einigermaßen vernünftigen Einkommensverteilung zu kommen
Ein Kreuz als Denkmal: Regierung gegen Indios
Auf dem Gebiet der Pataxó ließ die Regierung ein Kreuz errichten und das Denkmal zur Erinnerung an die ermordeten Urweinwohner schleifen.
Ein 17 Meter hohes Stahlkreuz in Coroa Vermelho ist in den vergangenen Wochen zum Zeichen des Anstoßes geworden. Auf dem Gebiet des Volkes der Pataxó war Mitte März der 60 Tonnen schwere Sockel – aus grünem, gelben und blauen Granit – dafür errichtet worden. In den 30er Jahren hatten die Indios dort zum Gedenken an die erste hl. Messe ein schlichtes Holzkreuz errichtet. Der Indianer-Missionsrat (CIMI) der Brasilianischen Bischofskonferenz hat das laut Verfassung widerrechtliche Vorgehen der Regierung heftig kritisiert. „Das für die große Mehrheit des Volkes so heilige Bild ist durch den Staat missbraucht worden. Die Regierung unter Fernando H. Cardoso kreuzigt damit Christus gleichsam noch einmal“, sagte Paulo Maldos vom CIMI. Bischof Richard Weberberger bezeichnete gegenüber der Kirchenzeitung das Vorgehen als „eine historische Gedankenlosigkeit“. Die Regierung habe zuvor weder das Volk der Pataxó noch die Kirche von ihren Plänen informiert. Sie zeige damit, dass sie aus den 500 Jahren nichts gelernt habe, so Weberberger. Berichten zufolge übt Cardoso Druck auf die Kirche aus, das Kreuz dennoch während des offiziellen Gedenkgottesdienstes am 26. April zu segnen.
Indios ohne Rechte
Der Streit um das Kreuz eskalierte, als am 4. April gegen 22 Uhr mehr als 200 Militärpolizisten in das Gebiet der Pataxó eindrangen und das von den indigenen Völkern neu errichtete „Monument des Widerstandes“ zerstörten. Das Symbol für die fünf bis sechs Millionen ermordeten Indios hätte während des Kongresses der 215 indigenen Völker vom 18. bis 22. April in Porto Seguro enthüllt werden sollen. Die Aktion der Militärpolizei, ohne richterliche Anordnung, ist ebenfalls ein grober Verstoß gegen geltendes Recht. Die protestierenden Pataxós wurden mit Maschinengewehren bedroht.
Spitzenreiter der Zusammenarbeit
Geheimes Schwerpunktland für den Einsatz der österreichischen Kirche ist Brasilien. Denn nicht weniger als 41 Frauen und 43 Männer stehen in dem südamerikanischen Land zum Teil seit Jahrzehnten im Dienste der Kirche oder kirchennaher Projekte. Spitzenreiter unter den Bundesstaaten ist Bahia (siehe Grafik) im besonders benachteiligten Nordosten. Im fünftgrößten Land der Erde arbeiten derzeit 40 Ordensfrauen, 26 Priester und zwei Ordensbrüder sowie drei Bischöfe aus Österreich. In Bahia sind weitere zehn Entwicklungshelfer des ÖED und drei Zivildiener der Pfarre Frastanz tätig. 1998 wurden kirchliche Projekte mit 52,4 Mill. Schilling durch Spendengelder aus Österreich unterstützt.