Aktionswoche macht jetzt auf verborgene Armut aufmerksam
Ausgabe: 2000/17, Aktionswoche, Armut
25.04.2000
- Matthäus Fellinger
Kirchliche und öffentliche Sozialeinrichtungen stellen der Gesellschaft ein Armutszeugnis aus. Beschämend, entwürdigend, änderungsbedürftig, lauten die Noten.
Frau M. wurde vor drei Monaten geschieden, sie ist nun Alleinerzieherin von zwei Kindern , fünf und zweieinhalb Jahre alt. Seit der Scheidung ist die finanzielle Situation sehr knapp, mit der Notstandshilfe und der Familienbeihilfe geht es sich nicht einmal aus, alle Fixkosten regelmäßig zu zahlen. Der Ex-Mann und Vater der Kinder hat bisher die bei der Scheidung vereinbarten Alimente noch nicht gezahlt. Er sieht nicht ein, dass er seiner Ex-Frau Geld geben sollte, da er ohnehin den Großteil der Kredite bei der Scheidung übernommen hat. Frau M. ist bei einer der Sozialhilfestellen der Caritas vorstellig geworden. Ein Fall von vielen. Zwei Mieten sind offen, auch die aktuelle Stromrechnung. Weil das Konto ohnehin schon stark überzogen ist, bekommt sie von der Bank kein Geld mehr. Das ältere Kind zeigt Verhaltensauffälligkeiten im Kindergarten. Beim Arbeitsmarktservice drängt man sie, doch endlich einen Job zu übernehmen. Aber wie das alles schaffen?Veronika Aichinger, Mitarbeiterin der Caritas-Sozialhilfe, weiß von einer Vielzahl an Wegen in die Armut zu berichten. „Psychisch Kranke, chronisch Kranke, Alkoholkranke, Menschen mit Beeinträchtigungen in ihrer Gesundheit oder mit Behinderungen geraten nicht selten in einen wiederum krank machenden Kreislauf.“ Auf der Straße sieht man Frau M. ihre Not nicht an – nicht an der Kleidung, nicht am Verhalten. Sie versucht sich ja möglichst „normal“ zu geben. Die Not sitzt drinnen. „Obwohl Österreich zu den reichsten Ländern der Erde zählt, nimmt die Zahl der Menschen, die an oder unter der Armutsgrenze leben, ständig zu.“ So stellt das oberösterreichische Armutsnetzwerk fest. Ende April und Anfang Mai soll Armut in Oberösterreich deutlicher als sonst sichtbar werden.