Serie: Inmitten der Nacht ist der Anfang des neuen Tages
Ausgabe: 2000/17, Dunkelheit, Lichter
26.04.2000
- Hans Baumgartner
„Die Dunkelheit der Trauer, des Schmerzes, des Alleingelassenseins erlebe ich bis heute. Doch die Strahlen des Ostermorges brechen immer stärker durch.“
„Wir haben uns sehr darauf gefreut, einen neuen Schritt in unserem Leben zu tun. Der Kurt war voller Pläne und ich in einer gespannten Neugier.“ Mit einem herzlich-föhlichen Fest unter Freunden verabschiedete sich Maria Wölflingseder nach Jahren intensiver Arbeit als Leiterin des Katholischen Bildungswerkes. Am nächsten Tag sollte es in den Urlaub nach Kalabrien gehen. Vor der Abreise wollte sich ihr Gatte noch ein Buch besorgen. Mitten in der Buchhandlung starb der Schriftsteller Kurt Wölfflin am 12. September 1998 an Herzversagen.
Die kleinen Lichter
„Ich kann es bis heute nicht in Worte fassen, wie ich die ersten Minuten, den ersten Tag nach der Todesnachricht erfahren habe. In meinem Trauertagebuch ist diese Seite immer noch leer. Ich bin noch nicht soweit, den Schmerz und die Verzweiflung zu beschreiben, die Wechselbäder von Gedanken und Gefühlen, aber auch die Momente, in denen ich spürte, wie in diese Dunkelheit Strahlen der Hoffnung einbrachen. Es waren diese kleinen Lichter, die mir das Gefühl gaben, du bist gehalten, geborgen und behütet, auch wenn dir der Boden unter deinen Füßen wegzubrechen droht“, erinnert sich Maria Wölflingseder. In den ersten Tagen nach dem Tod von Kurt habe sie sich immer wieder gesagt: „Wenn jetzt der Glaube nicht trägt, dann ist etwas falsch an der Art, wie ich glaube. Und er hat getragen.“ Zu einer wichtigen Stütze in dieser Zeit wurde ihr der Bericht aus dem Johannesevangelium über Maria von Magdala am Grab. Dieser Weg der Liebe von der Trauer am Grab bis zum zärtlichen Angesprochenwerden und dem Wiedererkennen Jesu in seiner neuen Gestalt, das sei für sie auch der Weg ihres persönlichen Osterns mit Kurt geworden, sagt Maria Wölflingseder. Und sie meint es – auch – wörtlich: „Auf manchen Wegen, die wir früher so gerne zu zweit gegangen sind und vor denen ich Angst hatte, sie allein zu gehen, erfahre ich, wie er mich anspricht und in der Freude seines neuen Lebens mit mir geht. Das ist manchmal ein sehr tiefes, schönes Erlebnis.“ Zu „kleinen Lichtern“ in der Dunkelheit wurden für Maria Wölflingseder auch die Begegnungen mit Menschen. Die Erfahrung, wie ihre sehr unterschiedlich denkenden sechs Kinder in den ersten Tagen der Trauer in einer tiefen Einheit mit ihr Trauer, Schmerz und Hoffnung geteilt haben; die Begegnung mit Freundinnen und Freunden, die schon am ersten Tag gekommen sind, um mit ihr zu weinen, sie in die Arme zu nehmen. „Ich hatte immer eine große Scheu, wenn bei Bekannten ein Todesfall war, mich gleich dort zu melden oder gar hinzugehen. Ich fürchtete, das könnte als aufdringlich empfunden werden. Und ich habe es dann ganz anders erlebt: Dieses Zulassen von Begegnung, dieses Herankommenlassen einer anderen Art von Trauer, einer anderen Art von Erinnerung an Kurt, das hat mir immer ein Stück Kraft und Hoffnung gegeben.“ Durch einen Text von Ringelnatz (s. u.), den ihr ein Schriftstellerfreund von Kurt geschickt hat, habe sie gelernt, in diesen Begegnungen auch eine Zuwendung von Kurt zu sehen.
Erfüllung der Sehnsucht
Die Fragen „Warum so bald?“, „Warum so aus heiterem Himmel ohne Abschied?“ seien für sie zu manchen Zeiten immer noch quälend, auch die dunklen Löcher, die sich nach wie vor auftun, „schließlich habe ich mit Kurt rund um die Uhr zusammengelebt und auch stark an seiner Arbeit teilgenommen. Diese Perioden dauern aber nie sehr lange, da funken immer andere Gedanken dazwischen, heilsame Querschüsse.“ So etwa erinnert sich Maria im Gespräch über den plötzlichen Tod daran, wie Kurt am Morgen dieses Tages in einem Gefühl großen Glücks den Vers gesungen hat „Die Güte des Herrn währet ewiglich“. Und in ihre Tränen hinein sagt sie: „Ist es nicht wunderbar, dass Kurt in einem so glücklichen Moment seines Lebens heimgeholt wurde. Ist es bei allem Schmerz, den ich nach wie vor empfinde, nicht eine Freude, zu wissen, dass er, der ein so sehnsüchtiger Mensch war, nun Erfüllung gefunden hat, die Fülle des Lebens, von der er immer geträumt hat.