- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Angelika Pressler
Der Zahn der Zeit hat auch vor den sieben Gaben des Heiligen Geistes nicht Halt gemacht. Oder können sie diese Gaben noch so herunterschnurren wie damals im Religionsunterricht? Weisheit und Verstand, Rat und Stärke, Erkenntnis, Gottesfurcht und Frömmigkeit. Spröde klingen sie in meinen Ohren, ohne Biss, eben zahnlos. Andererseits: Sie haben etwas Nüchternes, Klares an sich, grade so, als sollte mit ihnen erkennbar werden, wes Geistes Kind wir sind. Beginnen wir mit der Gabe der Weisheit.Erstaunlich: Im modernen „Weisheitstempel“ Internet kommt über 50.000-mal der Begriff Weisheit vor. Ein Mausklick und ich bin drin in der Weisheit der Sterne und der Weisheit des Körpers, ich kann mir Lebensweisheiten holen beim Online-Ratgeber für Erfolg und Lebensqualität, und die Weisheit des Monats lautet: Erfolgsblockaden erkennen und beseitigen; eine Psychologin bietet Weisheitswörter für die Seele an, ein Herr X veröffentlicht gar seine gesammelten Weisheiten.Viele Weisheiten geistern herum im Internet, aber die Gabe der Weisheit gibt es nur im Singular! Weisheit muss etwas sein, das quer liegt, so wie manchmal die Weisheitszähne. Ist es ein Zufall, dass diese – wenn überhaupt – erst zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr wachsen? Dann wenn es Zeit wird, zu sich zu kommen, das Leben gestalterisch in die Hand zu nehmen, nicht an der Oberfläche zu bleiben und blind den Illusionen einer Markt- und Erlebnisgesellschaft nachzutrotten. Wer weise ist, hat etwas durch-lebt und nicht nur er-lebt. Weisheit ist weder machbar noch lernbar, und es gibt keine Garantie, am Lebensende weise zu sein. Weisheit ist nicht im Kopf zu Hause, sondern im Herzen; deshalb sehen weise Menschen die Welt mit den Augen der Liebe. Und das macht sie rar heute, die Weisheit. Gerne würde ich eine weise Alte werden, und Sie?
Angelika Pressler ist, nach zehn Jahren in der Krankenhaus-Seelsorge, seit 1993 Assistentin am Institut für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät in Salzburg.