Ausgabe: 2000/38, Persönlichkeit, Beziehungsprogramm, Zentrum Spattstraße,
19.09.2000
- Ernst Gansinger
Das Zentrum Spattstraße ist vor allem auch ein Beziehungs-Programm.
„Wir waren und sind immer eine Therapieeinrichtung und damit nicht nur erziehend“, sagt der Ärztliche Leiter der „Spattstraße“ Dr. Werner Gerstl, Primar am Kinderkrankenhaus in Linz. „Wir sind Anwälte der Kinder und Jugendlichen, die bisher zu wenig bekommen haben ...“ Was Primar Gerstl in der Zeitschrift „Methodist“, schrieb, formuliert er facettenreich immer wieder neu. So auch im Gespräch mit der Kirchenzeitung: „Ein böses Kind bleibt böse, wenn ihm immer wieder gesagt wird, dass es böse ist. Prägt man Kindern ein Rollenbild ein, haben sie keine andere Chance, als die Rolle weiter zu spielen. Persönlichkeit kann ich nicht erziehen. Sie läuft über Beziehung. Erziehen kann ich nur Verhalten und Wissen. Die Beziehungsstörungen nehmen aber dramatisch zu“, die „Spattstraße“ will entstören.
„Schon in der Gründerzeit der Spattstraße war der Therapiebegriff sensationell – Therapeuten schulten die Erzieher.“ Diese enge Verknüpfung von Therapie und Pädagogik wurde weiterentwickelt, direkter, individueller. – „Wir versorgen heute fast jedes Mädchen in Psychotherapie“. – Das Zentrum Spattstraße hat sich von einem Therapieheim hin zu einer vielgliedrigen Einrichtung entwickelt (siehe Kasten). Die etwa 300 Mitarbeiter/innen wollen Kindern mit Anpassungs- und Verhaltens- sowie Teilleistungsstörungen (z. B. durch Schulbegleiter) helfen.
Die Not der Kinder
Der Psychologe Dr. Max Kastenhuber, Leiter des Therapiebereiches im Zentrum Spattstraße, weist darauf hin, dass es unterschiedliche, oft neue Not gibt. Streetworker zum Beispiel schreien wegen des wachsenden Drogenproblems „Feuer“. (Die Politik aber prüft erst Zuständigkeiten, beobachtet Kastenhuber.) Die Heilpädagogik ist personalaufwendig. Für die heilpädagogischen Schulen aber teilt die Behörde Lehrer nach einem Schlüssel zu (Teilungszahl: 8 Schüler), der zu wenig flexibel ist, auf Schwankungen bei der Zahl der Schüler zu reagieren. Die Aufnahmen von Kindern aus Wohlstandsfamilien in Krankenhaus-Therapie nehmen zu. Vermehrt gleiten Kinder auch in die Anarcho-Szene ab. Wer Kindern – Schlagwort „Selbstbestimmung“! – schwierige Entscheidungen überlässt und sie darin alleine lässt, überfordert sie. „Was ist der Gesellschaft eine gute Begleitung von heranwachsenden Kindern wert? Wie kann man diese organisieren ... Man spricht in Fachkreisen vom Problem der Beziehungsabbrüche“, gibt Kastenhuber zu bedenken und meint: Die Kirchen müssten über Alternativen nachdenken. Primar Gerstl nimmt die Politik in die Verantwortung: „Die Gefahr der Sparprogramme ist groß, zuerst jenes wegzuschneiden, was mit dem Begriff ,sozial‘ besetzt ist.“ Sozialarbeit muss von der Gesellschaft mitgetragen werden. Sie hat ja auch Einrichtungen wie der „Spattstraße“ viel zu danken..