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Die eiternde Wunde

Australien: Ureinwohner warten noch immer auf eine Entschuldigung
Ausgabe: 2000/38, Australien, Olympiade, Sydney, Aborigines, Ureinwohner
19.09.2000
- Harald Schmautz/Sydney
Vor 33 Jahren haben die Ureinwohner Australiens volle Bürgerrechte erhalten. Doch die Gleichstellung blieb aus. Zwei von drei Aborigines zählen zu den Ärmsten des Kontinents

Seit 1967 sind die Ureinwohner Australiens als mündige Erwachsene anerkannt. Bis dahin hatten die Aborigines den Status von Mündeln. Doch die Anerkennung als Staatsbürger brachte ihnen nicht die erhoffte Gleichstellung. Noch immer gehören zwei von drei zur ärmsten Bevölkerungsschicht – mit einem hohen Anteil an Alkoholikern oder einem überdurchschnittlichen Anteil an Gefängnisinsassen. Von ursprünglich 350 Sprachen, die zur Zeit der „Entdeckung“ durch die Europäer Ende des 18. Jahrhunderts gesprochen wurden, überlebten knapp 100. Davon werden jedoch nur noch 20 im Alltag benutzt. Von den übrigen 80 werden einige nur noch von drei oder vier Personen verstanden. Sterben sie, nehmen sie neben ihrer Sprache auch ihre Kultur mit ins Grab. Denn ohne die mündlichen Überlieferungen verschwinden die Mythen, die Riten und die Weisheiten der Völker.

Dabei können BesucherInnen Australiens durchaus eine Anerkennung dieser Kultur feststellen. Meist werden Aborigenes als „die ursprünglichen Besitzer des Landes“ bezeichnet. Von Staats wegen werden ihre heiligen Stätten geschützt. Und mit saftigen Geldstrafen muss rechnen, wer sich über die Fotografierverbote hinweg setzt oder Orte für „Uneingeweihte“ betritt.

Verlorene Generation



Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Ureinwohner auf wenig mehr als 100.000 Menschen dezimiert waren, sollten sie zu guten Australiern umerzogen werden. Die Idee setzte sich durch, die Kinder ihren Eltern wegzunehmen und sie in rein „weißer“ Umgebung zu zivilisieren. Wie viel menschliches Leid damit angerichtet wurde, lässt sich nicht ermessen. Noch heute kämpfen die Angehörigen dieser „verlorenen Generation“ um Wiedergutmachung. Bis zu 100.000 Kinder sollen so in 50 Jahren ihrer Kultur entrissen worden sein.

Zwar war der 26. Mai 2000 zum „Sorry Day“ erklärt worden, aber das offizielle Australien wollte sich für die Fehler der Vergangenheit nicht entschuldigen. Premierminister John Howard wehrt sich ausdrücklich gegen das Ansinnen, Fehler generell einzugestehen und um Verzeihung zu bitten. Denn bei einem Schuldeingeständnis könnten noch größere Landforderungen aus den Reihen der Aborigines erhoben werden. Und bislang erhielten die ursprünglichen Landbesitzer nur Grund und Boden aus dem Staatsbesitz. Die Farmer haben jedoch Angst, es könnte an ihre eigene Lebensgrundlage gehen, wenn durch ein „Sorry“ der Regierung Rückgabeforderungen laut würden.

Australien ist gespalten über die Frage der Wiedergutmachung. Auch in der katholischen Kirche finden sich Anwälte der Aborigines wie Gegner der Versöhnungspolitik. Schließlich hatten hauptsächlich katholische Institutionen und Orden die gestohlenen Kinder aufgenommen. Sie sollten ihre ursprüngliche Muttersprache gegen das Englisch der australischen Gesellschaft eintauschen. Ihre Sitten und Gebräuche wurden als heidnisch gebrandmarkt. Die Weisheit aus 40.000 Jahren Leben in der Wüste galt über Nacht nichts mehr, war dem Spott ausgesetzt.

Gesellschaft umkehrbereit?



Heute gehen die Ordensleute mit der Kultur der Aborigines voll Hochachtung und Anerkennung um. Sie können sogar in gewisser Weise als Anwälte angesehen werden, denn von staatlicher Seite fehlt es noch immer an Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Aborigines. So führte die Regierung des Northern Territorys eine drakonische Maßnahme ein. Nach der dritten Verurteilung muss ein Straffälliger auf alle Fälle ins Gefängnis, auch wenn es dabei nur um den Diebstahl eines Kaugummis oder einer Tafel Schokolade geht. So gut wie kein weißer Jugendlicher landet wegen solcher Delikte hinter Gittern. Doch Angehörige der ursprünglichen Bewohner füllen die Zellen.

Für diese Poltik wurde Australien im Frühjahr 2000 sogar von UN-Komitees wegen Rassendiskriminierung verurteilt. Doch die Regierung stellte daraufhin lediglich die Zusammenarbeit mit den Gremien ein. Die Wunde eitert weiter und wird in Australien für Unruhe sorgen. Dabei ist Premierminister Howard durchaus zuzustimmen, dass es mit einem einfach „Tut mir leid“ nicht getan sein wird.
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