Beharrliche Geduld für das konkrete Gestalten von Gottes neuer Welt
Serie: Rituale im Alltag (4)
Ausgabe: 2000/38, Geduld
19.09.2000
- Pierre Stutz
Wie lange ist mein Geduldsfaden? Habe ich mit mir selber genau so viel Geduld wie mit anderen? Wo gilt es im Leben auszuhalten, und wo aufzubrechen?
In meinem Leben und in der Begleitung von vielen suchenden Menschen begegne ich oft diesen zentralen Fragen. Weil ein religiöser Mensch eine Rückverbindung für sein Tun sucht, helfen mir biblische Personen, meine Fragen nicht nur als „mein Problem“ zu verstehen, sondern darin entscheidende Grundhaltungen der Menschwerdung zu entdecken.
Beharrlich bei sich bleiben
Prophetinnen und Propheten zeigen mir, dass Gott kein passives Erdulden von Leid will. Sie erzählen von einem „heruntergekommenen“ Gott, der sich einmischt und Partei ergreift für die Kleinen, Ausgegrenzten, Fremden, Entmündeten, ohne dabei den Glauben an das Gute im Menschen aufzugeben. Auch jener Liebhaber des Lebens aus Nazareth, Jesus, geht beharrlich seinen Weg, bleibt sich treu und zugleich gesteht er jedem Menschen Verwandlung zu. Er leistet gewaltfreien Widerstand und erzählt vom Schatz im Acker, den jede und jeder von uns in sich entdecken kann.
Wohlwollen einüben
Mit sich selber wohlwollend umgehen, sich selber gerecht werden und den Hunger und Durst nach Gerechtigkeit auf der ganzen Welt wach halten, gehören zur Lebenseinstellung eines glaubenden Menschen. Im beharrlichen Einfordern der Gerechtigkeit bleibt mir die syrophönizische Frau wegweisend (siehe Markus 7, 24–30). Sie wendet sich an Jesus und lässt sich nicht beirren von seiner vorläufigen Absage. Dank ihrer beharrlichen Geduld begegnen wir einem lernenden Jesus, der seinen Standpunkt verändern lässt, ohne sein Profil aufzugeben. Wenn mein Widerstand wenig Früchte zeigt und mich die Zweifel einholen, dann identifiziere ich mich mit dieser Frau, die ihre Stimme erhebt und aus dem langem Atem der Hoffnung ihr Engagement lebt. Immer vertrauend, dass Wunder nicht machbar sind und doch auch durch uns initiiert werden können. Wenn ich beim Joggen das Schreien einübe, trage ich bei, meine Stimme der Gerechtigkeit einzubringen im ganz konkreten Alltag. Darum ist auch das Singen höchst spirituell, wenn ich die Stimmbildung in diesem größeren Zusammenhang sehe. Ein spiritueller Mensch lernt mit Widerstand umzugehen. Denn am Widerstand kann ich wachsen und reifen. Jesus will den aufrechten Gang. Darum achte ich stündlich auf meine Füße: Sind sie wirklich auf dem Boden? Lasse ich mich tragen, damit ich mitten im Alltag, wenn Fremde angepöbelt und der/die Nächste ungerecht behandelt wird, bewusst aufstehe für sie und mich wehre. „amnesty international“ (1150 Wien, Märinggasse 10/11) ist für mich jene glaubwürdige Institution, die seit Jahren beharrliche Geduld lebt. Im regelmäßigen Senden von Briefen an Regierungen auf der ganzen Welt gestalte ich konkret mit an Gottes neuer Welt, am Reich Gottes. Es bedeutet für mich Eucharistie im Alltag zu leben. Wir sind nicht nur aufgerufen, den Leib Christi zu empfangen, sondern Leib Christi zu sein. Weil Christus keine andere Hände, Füße und Herzen als unsere.
Bedenktext
Verwurzelt der Mensch der wagt zu seiner Meinung zu stehen der sich wehrt auch für die Rechte der kleinen Leute
Verwurzelt der Mensch der darauf vertraut dass es wohl auf ihn ankommt aber letztlich nicht von ihm abhängt
„Er wird sein wie ein Baum am Wasser verwurzelt auch wenn um ihn die Dürre sich ausbreitet so bringt er Früchte“
Wenn die Kritik und die Zweifel kommen wird er sich besinnen auf den Fluss des Urvertrauens der auch durch ihn fließt er wird nicht alleine gegen den Strom schwimmen und die göttliche Quelle immer neu in sich entdecken
Nach Psalm 1, 3, in: Pierre Stutz, Du hast mir Raum geschaffen, 150 Psalmengebete, München 1999.