Als du ein Jahr in Brasilien warst, haben wir einander jede Woche geschrieben, richtig mit der Hand, mit Papier und Briefmarken. Das gab’s damals noch! Unsere Korrespondenz war sehr umfangreich. Wir setzten uns intensiv mit den Thema „Berufung“ auseinander, mit der Suche nach unserem Platz in Theologie und Welt. Das Volk unseres Herrn auf der Suche seit Jahren, auf Flucht vor Versklavung durch Angst und Gefahren. Das Volk unsres Herrn drohte oftmals zu scheitern. Doch auf seinen Wegen warst du sein Begleiter. (David Nr. 205)Befreiung aus Sklaverei, der Wunsch nach einem Stück Land, das sie ohne Schulden selbst bebauen können: Dieselbe Erfahrung Israels damals, der Alltag von Kindern, Männern und Frauen heute in Brasilien und anderswo. Und wir sind auch heute dein Volk auf dem Weg durch das Leben. Durch Berge und Täler ziehen wir unserer Heimat entgegen.In unseren wohl situierten Pfarren hier verstehen wir uns viel zu schnell auch als dieses Volk, obwohl wir Pensionsversicherung und Arbeitnehmerschutzgesetze haben. Die Fremdheit und Konkretheit der biblischen Überlieferung in wirtschaftlichen Fragen nehmen wir nicht wahr. Die „Option für die Armen“ stellt die Menschen vom Rand in den Mittelpunkt der Gemeinde Gottes, sie heißt nicht, dass sie unsere besondere Fürsorge erhalten sollen. Damals war uns dieser Gegensatz ein Problem und wir haben geträumt, wie diese neue Heimat für alle Menschen aussehen könnte.Heute haben wir unsere Berufe und wir schenken unseren Familien Zeit und Aufmerksamkeit. Wir kaufen Nicaragua-Kaffee und Bioäpfel, verwenden Mehrwegflaschen und Stoffwindeln. Das wars dann schon? Bisweilen leiste ich mir den Luxus, mit der Hoffnungslosigkeit zu kokettieren. Währenddessen ist im Süden und am Rand unserer Großstädte dieses Wirtschaftssystem eine Sache auf Leben und Tod und gleich nebenan schreiben unsere Banken eine Dividende nach der anderen. Das „Geld arbeitet“ und nimmt Männern und Frauen, die arbeiten wollen, die Arbeit weg. Bisweilen telefonieren wir, unsere Lebensumstände lassen uns räumlich kaum mehr zusammen finden. Aber vielleicht sollten wir uns doch die Zeit nehmen, heute, 18 Jahre später, wieder einmal ernsthaft bei Essigwurst, Apfelsaft und Bier zu überlegen, wie diese Welt zu retten ist.