Die Jünger diskutieren darüber, wer von ihnen der Größte sei. Es ist beruhigend zu sehen, dass sogar die Jünger Jesu diesen Drang der Bessere zu sein, den Drang nach Macht und Größe kennen und dass sie sich sogar noch getrauen davon zu sprechen.
Der Wunsch nach Überlegenheit ist etwas, das wir oft sehr gut vor den anderen und vor uns selbst verstecken. Wir haben subtilere Formen entwickelt wie wir dieses Ziel verfolgen; beispielsweise indem wir uns anderen überlegen fühlen, weil wir uns moralischer oder selbstloser vorkommen als andere. Der Kampf um Überlegenheit ist anstrengend. Wir bauen dabei unser Selbstbewusstsein auf einer Fassade auf und die untergründige Angst begleitet uns ständig, dass diese Fassade einstürzen könnte.
Der Psychoanalytiker Alfred Adler sieht die Wurzel des Wunsches der Erste zu sein in einem tiefsitzenden Minderwertigkeitsgefühl. In unserer Kultur sei es üblich, dass man in seinem Kindsein zurückgewiesen wird, dass Erniedrigung und tiefgreifende Unterdrückung und Ablehnung erlebt werden. Um sich vor diesen Erfahrungen und Gefühlen in Zukunft zu schützen, wächst im Kind der Wunsch nach unangreifbarer Überlegenheit, nach einem schützenden Panzer der Stärke. Wer sich minderwertig fühlt, müsse versuchen über andere zu herrschen. Die Überlegenheit wird nicht nur in Macht, sondern auch in Besitz, Statussymbolen, Anerkennung und so weiter zu erreichen versucht. Diese Menschen können gar nie aufhören, bei ihrer Jagd nach mehr, weil sie sich leer fühlen und Angst haben vor dieser Leere.
Heilung geschieht nach Adler, indem aufgedeckt wird, dass das Minderwertigkeitsgefühl nur eine fiktive Grundlage hatte – dass ich wertvoll bin, auch wenn man mich oft spüren ließ ich sei wertlos. Damit der Mensch wieder zum Menschen wird und aufhört andere zu unterdrücken, muss – so der Schweizer Psychiater Arno Gruen – der tief verborgene Schmerz wieder wahrgenommen werden, die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe und Zuwendung. Erst wenn ich mich getraue meine verborgene Bedürftigkeit und Schwäche zu sehen, kann ich aufhören, mein Selbstbewusstsein auf der Überlegenheit und dem Haben aufzubauen.
Nicht mehr der Erste sein müssen, Mensch unter Menschen sein – das kann wer sich geborgen, getragen und geliebt weiß. Der Weg der Erlösung führt über die Annäherung an diese Grundgewissheit: Ich bin wertvoll, ich bin geliebt, geborgen und getragen.