„Das soziale Netz in Österreich schützt nicht hinreichend vor Armut und Verarmung“, sagt Stefan Hindinger. Tagtäglich hat er mit Menschen „am Rande“ der Gesellschaft zu tun. Und sie werden mehr. „Die Zahl der Obdachlosen in unserer Notschlafstelle und jener Menschen, die Gefahr laufen, ihre Wohnung zu verlieren, weil sie Mietrückstände etc. nicht mehr bezahlen können, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen“, berichtet Stefan Hindiger. Er leitet das „Mosaik“ des Sozialvereins Vöcklabruck, das sich vor allem um Menschen in Wohnungsnot kümmert. Erst vergangene Woche konnte der private Hilfsverein vier kleine Übergangswohungen eröffnen, in denen obdachlose Klienten mit fachkundiger Betreuung wieder Fuß fassen können. „Es ist nicht nur unser Ehrgeiz, dass im Bezirk Vöcklabruck niemand unter der Brücke schlafen muss. Wir wollen durch vorbeugende Beratung und Hilfe verhindern, dass Menschen delogiert werden, und wir wollen jenen, wo noch der Wille da ist, sich aus der Obdachlosigkeit herauszurappeln, begleitend zur Seite stehen. Obdachlosigkeit zerstört häufig das Selbstwertgefühl und die sozialen Kontakte. Wir kümmern uns daher um die Leute auch noch, wenn sie schon in eine eigene Wohnung gezogen sind“, berichtet Stefan Hindinger.
Kein Geld für Betreuung
Häufige Gründe, warum Menschen in Wohnungsnot geraten, sind Überschuldung, längere Arbeitslosigkeit, Suchtprobleme oder auch Scheidungen. „Es gibt immer mehr Menschen, die den Verlockungen der Kosumgesellschaft nicht gewachsen sind. Ganz deutlich zeigt sich das“, so Hindinger, „seit dem Handyboom, der für viele zur Schuldenfalle wird.“ Immer öfter kommen in die Notschlafstelle auch mitellose Ausländer, die – ohne Arbeitserlaubnis – aus der Bundesbetreuung entlassen werden. Besonders betroffen ist Hindinger über die neue Gangart gegenüber Arbeitslosen. „Im Sozialverein mussten wir im Februar das Arbeitstrainingsprojekt Akku einstellen. Für die dort geleistete intensive soziale und psychologische Betreuungsarbeit für Langzeitarbeitslose gab es kein Geld mehr. Bezahlt werden nur noch ,Qualifizierungsmaßnahmen‘. Für die Wiedereingliederung von Menschen mit einem Handicap gibt es immer weniger Interesse und Geld. Man trommelt zwar laut, dass es wieder Vollbeschäftigung gebe, und in den Statistiken werden die Langzeitarbeitslosen trickreich versteckt, aber die Menschen ohne Arbeit sind noch da. “
Große Löcher im Netz
Ein besonderes Problem sieht Hindinger in der Sozialhilfe. „Das letzte Netz zur Armutsvermeidung greift oft nicht. Wir haben in Vöcklabruck an die 130 Sozialhilfebezieher/innen. Geht man nach dem jüngsten Sozialbericht der Regierung, dann leben in unserem Bezirk aber zwischen 3000 und 5000 Menschen in Armut. Eine treffsichere Sozialpolitik aber müsste wenigstens eine Existenzsicherung für die Armen gewährleisten, fordert Hindinger.
Sozialwort:
Am 17. September haben die christlichen Kirchen Österreichs kirchliche Organisationen und Initiativen von Christen eingeladen, über ihr soziales Engagement zu berichten und die damit verbundenen Probleme und Forderungen aufzuzeigen.Ein Beispiel für konkretes Engagement ist der Sozialverein Vöcklabruck. Vor elf Jahrenm wurde er gegründet, um das wachsende Problem der Obdachlosigkeit zu lösen. Als erster Schritt wurde eine Notschlafstelle eingerichtet. Heute betreibt der Sozialverein das Wohnprojekt Mosaik (Notschlafstelle, Delogierungsprävention, betreutes Wohnen), die Frauen- und Familienberatungsstelle mit angeschlossenem Kinderschutzzentrum und das Cafe-Restaurant „Zur Brücke“, wo arbeitslose Frauen neben der Arbeit auch eine Grundschulung für die Gastronomie erhalten. Der Sozialverein war auch Geburtshelfer für die Schuldnerberatung und Hospizbewegung. Äußerst aktiv ist der Sozialver ein im Armutsnetzwerk Vöcklabruck. Das Jahresbudget von acht Mill. Schilling wird durch Kostenersätze (AMS), Subventionen (Bund, Land, Sozialhilfeverband etc.) und Spenden aufgebracht. Besondere ideelle und materielle Unterstützung leisten die Franziskanerinnen. Modellhaft ist die breite Verankerung des Vereines in Kirchen, Parteien und gesellschaftlichen Gruppen.
Machen Sie mit und fordern Sie den Erhebungsbogen bei Ihrer Kirchenzeitung an: Kirchenzeitung „Kirche“, Wilhelm-Greil-Straße 7, 6020 Innsbruck; Fax: 0512/59 8 47 - 403; E-Mail: kirchenzeitung@dioezese-innsbruck.at
Umfassende Informationen zum Sozialwort gibt es: KSÖ, Schottenring 35, 1010 Wien, und auf der Hompage: www.sozialwort.at