„Unser Anspruch ist nach wie vor, den Anteil der Psychiatrie in der Gesellschaft abzubauen.“
Dr. Kurt Lederer vom psychosozialen Betreuungsteam des Vereins „EXIT-sozial“ umreißt mit diesem Ausspruch ein ebenso wichtiges Anliegen des Vereins, wie es die Hilfe zur Selbsthilfe für Betroffene ist, – nämlich gesellschaftliche Veränderungen. „Jeder Mensch soll so leben können, wie er will. Es ist unser erstes Ziel, nicht die Beeinträchtigung zu reduzieren, sondern dass ein Mensch damit leben kann und die Gesellschaft dies auch akzeptiert.“
Mangel an Ethik
Ein gewaltiges Stück Veränderungswillen wohnt diesem Ziel inne. Denn noch ist es vielfach so, dass sich die Gesellschaft hinter dem Rücken von Menschen, die psychische Probleme haben, den Mund darüber zerreißt. Besser wäre es, mit den Betroffenen zu reden ... Außerdem: „Was ist schon normal?“, fragt Lederer. Müsste es nicht eher „sozial angepasst“ heißen? „Normal“ – die Gesellschaft leitet den Wert eines Menschen über dessen Arbeitsfähigkeit ab, was jemand leistet, ist wichtig. Hier ortet Lederer ein Krebsübel, das aus mangelnder Ethik kommt. Ein Problem ist auch die zunehmende soziale Isolation durch das Ende der Großfamilie und die Auflösung familiärer Strukturen.
Mehr Vernetzung
Beträchtliche Lücken in der Vernetzung des Krisendienst-Angebotes wurden offenkundig, als ein Hilfe suchendes Vergewaltigungsopfer zunächst von Einrichtung zu Einrichtung weitergereicht wurde. Landesrat Ackerl hat daraufhin die beteiligten sozialen Einrichtungen zur Verbesserung der Krisenbetreuung aufgerufen. Eine Antwort von „EXIT-sozial“ ist neben der Zusammenarbeit zwischen den Organisationen die Vernetzung im eigenen Verein und die Vermehrung der Krisenzimmer. Vernetzung im eigenen Verein heißt, dass nach der erfolgten Umsiedlung in Linz alles unter einem Dach ist. Psychologen, Sonderpädagogen, Psychiater und Psychotherapeuten, Juristen sowie Sozialarbeiter stehen Menschen in Krisen zur Seite – und für die Hilfe gibt es ein und den selben Zugang/Eingang: Wildbergstraße 10a, 4040 Linz. Bald gibt es hier auch Fachärzte. Mit praktischen Ärzten arbeitet man ebenfalls gut zusammen.
Alles unter einem Dach
Diese weit reichende Vernetzung unter einem Dach mit dem großen Empfangsbereich wird von Menschen, die Hilfe suchen, sehr gut angenommen. Das wundert nicht, denn vielfach lässt sich ein Problem gar nicht auf ein Merkmal eingrenzen. Psychische Probleme gehen einher mit sozialen und umgekehrt. Der Klient muss nicht von Institution zu Institution weiter gereicht werden, und er findet hier Ansprechpersonen, ob er nun langfristige Therapie braucht oder kurzfristig ein Gespräch sucht.
Der Bedarf an psychosozialer Betreuung steigt grundsätzlich, in Ausnahmesituationen, wie sie jetzt durch das Hochwasser gegeben sind, noch mehr. Schuldgefühle, Zukunftsängste, Schlaflosigkeit quälen Hochwasseropfer. Oft wollen sie ihre Angehörigen oder Nachbarn nicht auch noch belasten, „deshalb sind sie froh, wenn sie sich uns Unbeteiligten anvertrauen können“, sagt Dietmar Dobretsberger von „EXIT-sozial“. Der Verein ist für die psychosoziale Versorgung in mehreren oö Bezirken zuständig (Linz-Urfahr, Urfahr-Umgebung, Bad Leonfelden, Eferding).
Mit dem Psychiatrieentwicklungsplan (Herbst 2002) können sich zusätzliche regionale Aufgaben ergeben. Noch einmal zum Hochwasser: Ein Phänomen beobachten die Mitarbeiter/innen von EXIT-sozial: Manche Betroffene lehnen psychologische Hilfe zunächst ab, sie gestehen sich eine emotionale Schwäche nicht ein und verdrängen ihre seelische Krise. Auch Helfer der Einsatz-Organisationen meinen oft, keine Hilfe annehmen zu können.
Tendenz: Steigend
Der nun bald 21 Jahre bestehende Verein wächst beständig, sowohl was seine Standorte betrifft, wie auch was seine Angebote betrifft. Etwa 90 Mitarbeiter/innen sind derzeit in den psychosozialen regionalen Zentren sowie in den Bereichen Betreutes Wohnen und Mobile Betreuung (z. B. Franco Basaglia Haus), Beschäftigung und Tagesstruktur (Wasch- und Haushaltsservice) und Freizeit/Kultur (z. B. Eulenspiegel) engagiert.
Stichwort:
EXIT-Sozial
EXIT-sozial ist ein Verein für psychosoziale Dienste. Psychiatrierte und benachteiligte Menschen sollen Lebens- und Handlungsfreiräume bekommen und die Kontrolle über ihren Alltag wieder gewinnen. Demokratische Psychiatrie ist die Idee im Hintergrund. Beratung, Krisenintervention, Beschäftigung und Freizeit sind die Angebote.