Die frühen Gemeinden betonten die Freiheit vom Gesetz. Prompt stellte sich auch Missbrauch ein. Die Lebensführung einzelner Mitglieder wurde zum Problem. Man suchte also nach einem Verfahren, mit jenen umzugehen, die kein Musikgehör zeigten, und machte Anleihen in der mit dem Judentum gemeinsamen Bibel. Aber Matthäus musste die Vorlagen an seine Gemeinde anpassen.
Wenn dein Bruder gesündigt hat, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht.“ Der Gefahr, dass Einzelne das Klima innerhalb der Gemeinde nachhaltig verderben könnten, musste gewehrt werden. Private Geschichten sollten nicht einfließen. Matthäus arbeitete darum die vorgefundene Regelung aus dem Buch Levitikus um. Die Mahnung regelt nun nicht mehr Verstöße gegen ein Mitglied, sondern Vorfälle, welche die Gemeinde betreffen. Noch eine Betonung bringt Matthäus an: die gemeinsame Verantwortung der Gemeinde. Bei einem schwerwiegenden Fehlverhalten geh ganz persönlich zu dem Betreffenden, sagt er – nicht etwa zum Ältesten!
Auch ein abgehobenes Gemeindegefühl musste in Rechnung gestellt werden. Christinnen und Christen sind keine Gemeinde von Reinen. Matthäus hat darum dieses heikle Thema eingerahmt vom Gleichnis vom verlorenen Schaf und von der Frage nach der Vergebung. Alle sind wir irrende Schafe, alle bedürfen wir Tag für Tag der Verzeihung. Selbst in der Art, wie Matthäus den Ernstfall eines Ausschlusses formuliert, klingt eine bezeichnende Erinnerung an: „. . . dann sei er für dich wie ein Heide und Zöllner.“ Die Gemeinde wird an ihre eigene Herkunft gemahnt!
Überhaupt, das ganze Bemühen geht nicht dahin, wie man jemanden hinauswerfen kann, sondern wie man ein irrendes Mitglied wieder gewinnen kann: „Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.“ Die Erfahrungen der ersten Christen und Christinnen sind auch für uns heute wegweisend, wenn wir gewinnend wirken wollen: Wir alle sind verantwortlich füreinander. Die Probleme eines Mitgliedes der Gemeinde gehören nicht ins Gerede und auch nicht zum Pfarrer oder Bischof. Es geht darum, eine schwierige Person zu gewinnen. Achtung: Nicht-beachtet-werden, Nicht-informiert-werden, „Geschnitten-werden“ sind sehr wirksame Formen des Ausschlusses! Die Solidarität mit dem sich verfehlenden Mitglied hat spürbar zu bleiben. Wir alle sind immer auch Last füreinander. Alte Rezepte allein genügen nicht. Gottes Wille muss in jeder Zeit neu gefunden und ausgedrückt werden.