Auch die katholische Kirche der USA kämpft mit ihrer schwersten Krise
Ausgabe: 2002/36, Umkehr, Freiheit, Krise, USA, Bevölkerung;
03.09.2002
Das Wort des Jahres 2001 war „Der 11. September“. Ein Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York ringen die USA um innere und äußere Einheit.
Wenn man US-Amerikaner in diesen Tagen nach den Folgen des 11. September 2001 befragt, dann sind die verschiedensten Antworten zu hören. So dramatisch, wie es in Europa allerdings gesehen wird, scheint es für die Bewohner der Vereinigten Staaten nicht zu sein. Das Einzige, was sich für alle spürbar geändert hat, sind die viel längeren Sicherheitskontrollen beim Besteigen eines Flugzeuges.„Wir leben nicht aus einer 2000-jährigen Geschichte wie Ihr in Europa. Bei uns ist alles viel schnelllebiger“, meint Gary Bittner. Und der Professor für Soziologie am York College in Pennsylvania meint weiter: „Der Schock saß nicht so tief. Über Nacht haben wir uns daran gewöhnt, dass es kein World Trade Center mehr gibt. Und so ist die Zerstörung der Zwillingstürme rasch wieder vergessen. Die Versicherungen streiten noch über die Höhe der Zahlungen. Aber mehr ist nicht zu spüren. Wir Amerikaner sind eben auch Meister im Verdrängen“, gibt sich Bittner bedenklich.
Freiheit hat ihren Preis
Die Geschichte der USA ist eine Geschichte der Freiheit. Aber die Goldgräberstimmung ist lange schon der Realität gewichen, und es gibt viel mehr Arme als wirklich Reiche. Geblieben ist der Traum vom schnellen Geld und von der Freiheit, die sich in unbürokratischer Selbstverwirklichung bis heute durchhält. Aber die Desillusionierung ist ebenso groß. Denn Namen wie Bill Gates sind die Ausnahme – einer, der es eben geschafft hat. Viele aber bleiben auf der Strecke. Freiheit macht angreifbar, öffnet Möglichkeiten, die missbraucht werden können. Genau an dieser verwundbaren Stelle wurde die Freiheit getroffen: mit eigenen Flugzeugen wurden die eigenen Zivilisten getötet. Der Geheimdienst, wie sich später herausstellen sollte, hatte versagt. Zwei Seelen schlagen seither in der Brust vieler US-Bürger: Die Sicherheit des eigenen Landes und dessen Freiheit sind bedroht. Einerseits will niemand am Freiheitsideal kratzen, andererseits müssen die Geheimdienste künftig viel besser arbeiten, um einen solchen Anschlag zu verhindern. Doch das ist mit Freiheitseinbuße verbunden. Die USA als „Überwachungsstaat“ – das wäre der Treppenwitz der Geschichte, fühlt man sich doch als Sieger über die kommunistischen Überwachungsstaaten. Nach den Kämpfen in Afghanistan wird nun ein Krieg gegen den Irak vorbereitet. Denn sowohl Saddam Hussein als auch Osama bin Laden sind am Leben. Und was 1991 Präsident Bush sen. nicht geschafft hat, nämlich die Eliminierung des irakischen Diktators Hussein, das soll jetzt sein Sohn nachholen. Wenn nötig, wohl auch im Alleingang. Dabei wird die Zustimmung zu einem solchen Krieg in der US-Bevölkerung immer geringer. Stimmten im Spätherbst noch drei Viertel einem Irak-Angriff zu, so sind es jetzt nur mehr knapp die Hälfte.
Umkehr braucht es!
Nicht nur die katholische Kirche der USA braucht Umkehr. Steckt sie doch in der schwersten Krise ihrer Existenz. Sie ist gedemütigt und sieht sich massiven Vorwürfen rund um sexuellen Missbrauch durch Priester und die Untätigkeit der Kirchenleitungen ausgesetzt. In jeder Krise steckt aber auch die Chance zu Neubeginn, nicht nur für die 60 Millionen US-Katholiken. Ist doch die katholische Kirche die größte Religionsgemeinschaft der Vereinigten Staaten. Wie die Feuerwehrleute und Helfer ins Zentrum des Geschehens gerückt sind (bei den Aufräumarbeiten), so zeigt sich der Einsatz für andere, das Zusammenstehen in der Not. Die christliche Tugend der Umkehr – und 95 Prozent der Bevölkerung in den USA bezeichnen sich als religiöse Menschen – bekommt angesichts solcher Krisen einen neuen Sinn. Erst wo die Spirale der Gewalt durchbrochen wird, kann Neues entstehen. Erst wo offen die Karten auf den Tisch gelegt und Schuld eingestanden wird, kann „Ground Zero“ überwunden werden. Natürlich nicht so, dass alles Geschehen unter den Teppich gekehrt wird, sondern ehrliches Bekenntnis zur eigenen Unzulänglichkeit ermöglicht den Beginn von null. Das trifft heute die katholische Kirche in den USA ebenso wie die US-Politik. Denn die Kirchenleitungen haben beim Umgang mit Missbrauchstätern genauso versagt wie die US-Geheimdienste, die wesentlich für die Sicherheit des Landes zu sorgen haben.Johannes Michael SchnarrerLesen Sie mehr zum Thema auch auf Seite 13.